Gender in der Lehre

Gender in der Lehre umfasst zunächst den Begriff der Genderkompetenz, die von Studierenden als soziale Kompetenz erworben werden soll und von Lehrenden vermittelt wird. Für die Vermittlung bestehen grundsätzlich zwei Handlungsoptionen, die Lehrende verfolgen können: der implizite und der explizite Ansatz. Die folgenden Beispiele bieten erste Anhaltspunkte, wie Gender in der Lehre integriert werden kann. Um die eigene Lehrveranstaltung geschlechtersensibel und inklusiv zu gestalten, ist es sinnvoll das eigene Lehrverhalten mithilfe von Evaluation zu hinterfragen.

Wenn Sie als Lehrperson Fragen und Anregungen haben oder Unterstützung bei der sensiblen Gestaltung von didaktischem Material brauchen, können Sie sich gerne an die Projektkoordinatorinnen wenden.

Genderkompetenz lässt sich in die Bestandteile Wollen, Wissen, Können untergliedern und verknüpft somit die Wissens- mit der Handlungsebene:

  • Wollen: Motivation, um sich mit der Kategorie Geschlecht auseinanderzusetzen und praktisch umzusetzen
  • Wissen: inhaltliche Auseinandersetzung mit Geschlechterstrukturen in Institutionen und im Alltag, der soziale Entwicklung von Gender und der historischen Entwicklung von Geschlechtsrollen
  • Können: methodisch-didaktische Umsetzung von Genderaspekten

Genderkompetenz ist für den alltäglichen Umgang mit Menschen bedeutend und spielt eine Rolle bei der Analyse von Sachverhalten. Sie ist als qualifizierende Kompetenz weder aus der Ausbildungszeit noch aus dem späteren Berufsleben wegzudenken. Genderkompetenz bei Lehrpersonen bedeutet darüber hinaus die Reflexion vier verschiedener Kontexte, welche für die Kategorie Gender im Bildungsbereich entscheidend sind.

Gesellschaftliche Kontexte wie geschlechterpolitische Entwicklungen und der neuste Stand der Geschlechterforschung werden in der Hochschule wahrgenommen und idealerweise konzeptionell umgesetzt. 

Diese Umsetzung geschieht auch in Praxiskontexten durch die Implementierung von Genderthemen in Betriebsabläufe oder direkt in Seminarsitzungen.

Die Dimension der Adressat*innen spielt insbesondere im Seminar eine wichtige Rolle. Bildungsinteresse und Lernmotivation sind eng verknüpft mit den eigenen Erfahrungen, der sogenannten Lernbiografie. Der subjektive Bezug zu Genderthemen ist ein entscheidender Schlüssel für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.

Bei der vierten Dimension Methodik und Didaktik kann die Lehrperson einerseits eine offene Lernkultur und Atmosphäre schaffen durch den sensiblen Einsatz von Bildern und Sprache. Andererseits kann sie konzeptionell durch Methodik und räumliche Gestaltung sensibel mit Geschlechterdifferenzen umgehen.

Genderkompetenz als PDF

(Quelle: Budde, Jürgen/Angela Venth (2010), Genderkompetenz für lebenslanges Lernen. Bildungsprozesse geschlechterorientiert gestalten, Bielefeld, S. 22-28.)

Mit dem impliziten Ansatz wird ein Umfeld geschaffen, das allen Teilnehmenden – unabhängig von ihrem Geschlecht – ermöglicht, erfolgreich an Lehrveranstaltungen teilzunehmen. Die Ansprache und die Aktivierung aller steht hier im Vordergrund, ohne explizit inhaltlich auf das Thema "Gender" einzugehen.

Beispiele:

  • Schaffung einer diskriminierungsfreien und wertschätzenden Kultur 
  •  Abbildung vielfältige Lebensrealitäten, ohne Reproduktion von Stereotypen in Bildern, Sprache und Arbeitsmaterialien
  • Verwendung von geschlechtersensibler Sprache
  • Gewährleistung vielfältiger Lern- und Beteiligungsmöglichkeiten beispielsweise durch das Angebot unterschiedlicher Arbeits- oder Prüfungsformen
  • Berücksichtigung individueller Erfahrungen der Teilnehmenden 
  • Einbeziehen wissenschaftlicher Fachbeiträge von Wissenschaftlerinnen 
  • Reflexion des eigenen Denken und Handelns als Lehrkraft in Hinblick auf Gender Aspekte (eigene Rollenvorstellungen, Wirkung meines Auftretens, Signalisierung von Anerkennung, Verteilung von Aufmerksamkeit, Annahmen/ Erwartungen gegenüber Teilnehmenden) und Bereitschaft eigene stereotype Vorstellungen/Gender Bias zu hinterfragen

Es wird explizit das Ziel verfolgt, die Interdependenz eines Fachgebiets mit der Thematik Gender aufzuzeigen und Geschlechterfragen bewusst zu stellen. Unabhängig davon gilt auch hier für Lernkultur und Partizipation der implizite Ansatz.

Beispiele:

  • Integration von Gender Aspekten als Zielsetzung zu Beginn der Planung von Veranstaltungen
  • Integration von Gender-Aspekten in Lehrveranstaltungen entweder als Querschnittsthema oder punktuell. Diese können fächerübergreifend sein:
    • Berufsfeldbezogene Fragen: Welche Geschichte haben angestrebte Berufe eines Studiengangs und welche Rolle spielt die Kategorie Geschlecht darin? Geschlechtssegregation auf dem Arbeitsmarkt/ Gender Pay Gap/ Stereotype Zuschreibungen von Kompetenzen
    • Wissenschaftskritik der Fachdisziplin: Wird Gender als Analysekategorie für die Wissensproduktion thematisiert? Werden tradierte Vorstellungen von Geschlecht durch das Fach aufgebrochen? Welches Verständnis der Wissenschaft existiert und gibt es fachkulturelle Gepflogenheiten, die mit der Kategorie Geschlecht zusammenhängen?
    • Sichtbarmachung der Forschungsergebnisse von Wissenschaftlerinnen: Biographien und Werke thematisieren/ Wissenschaftlerinnen für Fachvorträge einladen
  • Einladung von Gastreferent*innen aus dem jeweiligen Fachgebiet mit expliziten thematischen Schwerpunkten
  • Sensibilisierung der Teilnehmenden einer Veranstaltung für geschlechtersensible Sprache und Bilder sowie der Interaktion untereinander
  • Evaluation der Lehrveranstaltung in Hinblick auf Gender-Aspekte

Die hier zusammengefassten Reflexionsfragen sollen helfen, sich selbst als Lehrperson und die eigenen Lehrveranstaltungen zu hinterfragen. Im Vordergrund steht, möglichst viele Studierende zu aktivieren und an der eigenen Veranstaltung partizipieren zu lassen, unabhängig von den persönlichen Voraussetzungen oder der Geschlechtsidentität. Die Reflexionsfragen stellen keine Checkliste zum Abhaken dar, sie lassen sich immer wieder neu stellen.

Die Fragen werden in fünf Kategorien geclustert: Kommunikation, Spannungen und Kritik, Material und Methoden, Heterogenität und Psychologie. Auch wenn Sie nur ein bestimmter Bereich interessiert, lohnt sich ein Blick in alle Kategorien. Wie bei einem Versuch, der immer wieder fehlschlägt trotz korrekter Durchführung, müssen manchmal die Hypothesen neu geprüft und der Blick auf Bereiche gelegt werden, die weniger relevant für die Fragestellung erscheinen. Außerdem ist jede Lerngruppe  anders, vielfältig und individuell, versuchen Sie das für sich und für Ihre Lehre zu nutzen.

Wenn Sie mit einem kleinen Test ihr Lehrverhalten und ihre Lehrgestaltung evaluirenwollen, können Sie das Evaluationstool der Universität Freiburg nutzen.

Hier finden Sie eine kleine Sammlung mit methodischen Ideen, die partizipativ und geschlechtersensibel sind.

Wenn Sie noch weitere Informationen zum Thema Lehre und Didaktik brauchen, können Sie die Seite der Campus Didaktik besuchen. 

 


Kontakt:

Die Projektkoordination „Gender in der Lehre“ ist zurzeit nicht besetzt. Für einen Kontakt wenden Sie sich bitte an Dr. des. Lisbeth Suhrcke, Projektkoordinatorin „Gender in der Forschung“.