Digitale Wildvergrämung: Kitzrettung mit IoT-Geräten zur Verhinderung des Mähtodes

Das „Kitzretter“-System wird seit dem Frühjahr 2020 an der Hochschule Emden/Leer in Kooperation mit der Jägerschaft Aurich entwickelt. Es verwendet IoT-Geräte, die mit der Funktechnologie LoRaWAN durch einen zentralen Computer (Server) individuell steuer- und konfigurierbar sind, um Rehkitze kurzfristig aus zu mähenden Flächen zu vergrämen und sie somit vor dem Mähtod zu bewahren. Die Umsetzung und Auswertung der Testkampagnen erfolgen bis Winter 2021.

Motivation des Projektes "Kitzretter"

Neu gesetzte Rehkitze haben keinen Fluchtreflex


Bei Gefahr drückt sich das Kitz fest auf den Boden und bleibt bewegungslos liegen (Drückinstinkt).  Erst nach der zweiten Lebenswoche setzt der Fluchtinstinkt ein. In der Natur ist dies eine gute Strategie, gegen eine Mähmaschine ist dieses Verhalten jedoch sinnlos.

Die Deutsche Wildtier Stiftung geht auf den 2,3 Millionen Hektar Grünland in Deutschland von jährlichetwa 92.000 vom Mähtod bedrohten Kitzen aus.

Die Hauptsetzzeit in Mai und Juni fällt mit dem ersten Grünlandschnitt zusammen, sodass Landwirte vor der Mahd Maßnahmen zur Rettung der Kitze ergreifen müssen. Diese sind jedoch sehr personal- und zeitintensiv, und somit gerade bei großen Flächen eine Herrausforderung.

Die Technologie des "Kitzretter"-Projektes

Der Ansatz des Systems „Kitzretter“ ist der Einsatz von IoT-Geräten, die basierend auf der neuartigen Funktechnologie LoRaWAN durch einen zentralen Computer (Server) individuell steuer- und konfigurierbar sind.

LoRa ist eine neuartige Funktechnologie, entworfen für Anwendungen im Bereich des Internet der Dinge (IoT): Es können lediglich sehr kleine Datenmengen übertragen werden, diese jedoch kostengünstig, mit geringem Energieverbrauch und hoher Reichweite (im ländlichen Raum mehrere Kilometer).

So können die Geräte unabhängig von der Mahd aufgestellt und zu einem späteren Zeitpunkt mit Hilfe einer Web-Anwendung über ein Smartphone gesteuert werden. Zusätzlich kann dies den Gewöhnungseffekt der Tiere an die Beunruhigung einschränken, da verschiedene Kombinationen von unterschiedlichen Licht- und Akustiksignalen zum Einsatz kommen.

Die batteriebetriebenen Geräte, Kitzretter genannt, werden am Rand oder in der Grünfläche aufgestellt und mittels Smartphone registriert: Durch ein Foto des auf den Feldeffektoren aufgebrachten Barcodes und der GPS-Position des Smartphones kann eine einfache Zuordnung eines Geräts zu einer Fläche erfolgen .

Erprobung der Kitzretter im Feldtest

Zur Erprobung des Kitzretter-Systems wurden im Mai und Juni 2020 mehrere Feldtests im Landkreis Aurich in der Nähe von Bangstede und Großefehn durchgeführt.

Für einen Feldtest wird zunächst die An- oder Abwesenheit von Rehkitzen in der betreffenden Fläche festgestellt. Dies erfolgt durch eine Absuche mit Vorstellhunden oder dem Abfliegen mit einer mit Wärmebildkamera ausgerüsteten Drohne. Danach werden die Kitzretter um die Fläche herum aufgestellt. Anschliesend kann die variable Vergrämaktivität (z.B. von 21:00h bis 04:00h, alle 20 Minuten) über PC oder Smartphone programmiert werden.

Der Effekt der Vergrämung wird am frühen nächsten Morgen durch erneutes  Abfliegen oder Absuchen der Flächen kontrolliert.

Durch Feldtests im Frühjahr 2020 wurde die technische Machbarkeit demonstriert und erste Prototypen getestet. Die für 2021 geplanten Feldtests dienen der Optimierung der Vergrämung durch gesteigerte Lautstärke und Wiedergabe von digitalisierten Tierrufen (Eichelhäher, Hund).

 

Ansprechpartner

Prof. Dr. Carsten Koch

Tel.: 04921 / 807 -1815

E-Mail: carsten.koch(at)hs-emden-leer.de

 

Dipl-inf (FH) Tilman Leun, MEng

Tel.: 04921 / 807 -7022

E-Mail: tilman.leune(at)hs-emden-leer.de

Projektpartner

Das Projekt zur digitalen Wildvergrämung wird in Kooperation mit der Jägerschaft Aurich durchgeführt, gefördert durch das Niedersächsiche Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus Mitteln der Jagdabgabe.