WINDIS steht für: What is normal_disabled?

Die bundesweite WINDIS-Studie erforscht, wie Normalität und Behinderung über die Lebensspanne von Geschwistern erlebt werden, von denen ein Geschwister als behindert gilt. Parallel zu dieser Studie entsteht eine Teilstudie im Rahmen einer Promotion zur Untergruppe der behinderten Führungskräfte.

Kontakt:

Projektleitung: Frau Prof. Dr. Carla Wesselmann
carla.wesselmann(at)hs-emden-leer.de

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Frau Clarissa Schallenberger (MA)
clarissa.schallenberger(at)hs-emden-leer.de

Projekttelefon: 0151 81 86 21 84

Aktuelles:

Aktuell suchen wir weitere Geschwister im Alter ab 40 Jahren als Interviewpartner*innen, die uns ihre Lebensgeschichte erzählen. Nähere Informationen finden Sie hier und in Leichter Sprache hier.

Hintergrund:

Hintergrund: Anhand der Fragestellung, wie (nicht)behinderte Geschwister Prozesse der Differenz im Spiegel des Selbst und des anderen Geschwisterteils wahrnehmen und erleben, werden familiäre und gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen untersucht. Behinderung dient in Referenz auf die Disability Studies als Instrument der Erkenntnis. Ziel ist es zu rekonstruieren, wie Menschen sich im Spannungsfeld von Normalität und Behinderung bewegen und dieses mitgestalten (Waldschmidt, 2007).

In der Familien- und Geschwisterforschung sowie in den Disability Studies existiert hinsichtlich dieser  Frage, wie Normalität auf der Ebene der Interaktionen im familiären Kontext und später im beruflichen hergestellt wird, eine Forschungslücke. Auch in der Forschung der Sozialen Arbeit liegen hierzu kaum empirisch gesicherte Erkenntnisse vor (Reimer 2017). Die Situation erwachsener Geschwister behinderter Menschen gilt noch als weitestgehend unerforscht (Alich, 2011), eine erste Untersuchung stellt Hackenberg (2008). Dass diese Personengruppe im Internet über ihre Rolle reflektiert, zeigt einen Thematisierungsbedarf und belegt sich durch deren zunehmende Vernetzung. Sie mündete 2014 in die Gründung der Plattform „Erwachsene Geschwister“ und spiegelt sich in regionale Stammtische, die zum persönlichen Erfahrungsaustausch zusammenkommen.

Erkenntnisinteresse: Wie wird Normalität am Beispiel von Behinderung in Geschwisterbeziehungen wahrgenommen, hergestellt, aufrechterhalten und modifiziert?

Methodik: Zur Beantwortung der Forschungsfrage führen wir lebensgeschichtliche Interviews, diese werden transkribiert und nach der Biografischen Fallrekonstruktion Rosenthal (1995, 2015) in einem abduktiv-rekonstruktiven Vorgehen ausgewertet.

Ausblick: Welche Schlüsse lassen sich für die Disability Studies, für die Soziale Arbeit (als Normalisierungsinstanz) sowie für das System Familie ziehen? Und wie können die generierten Erkenntnisse in die Praxis der Sozialen Arbeit transferiert werden?

Das Projekt wird über das VW-Vorab „Professorinnen für Niedersachen“ von Januar 2018 bis Dezember 2020 finanziert.

Teilstudie zu biografischen Verläufen behinderter Führungskräfte

Aktuelles zur Teilstudie: Zur Analyse der besonderen Situation behinderter Führungskräfte werden derzeit insbesondere Führungskräfte ab 40 Jahren gesucht, die von Geburt oder früher Kindheit an als behindert gelten. Besonders interessiert sind wir derzeit an Führungskräften, die mit Geschwistern aufgewachsen sind. 

Die Datenerhebung erfolgt in Form narrativer Interviews mit der Bitte die Lebensgeschichte zu erzählen. In einer Interviewvereinbarung wird zugesichert, dass sämtliche Angaben anonymisiert und ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke auf Basis der europäischen Datenschutzverordnung verwendet werden.

Hintergrund: Im Jahr 2015 gelten in der Bundesrepublik Deutschland 9,3 % der Gesamtbevölkerung als schwerbehindert (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2017, S. 5). Die Dunkelziffer von Menschen mit nicht anerkannten Behinderung ist jedoch wahrscheinlich bedeutend größer (Popescu-Willigmann, 2014, S. 23).
Von allen als sozialversicherungspflichtig registrierten Menschen, die 2016 in der Bundesrepublik Deutschland einer regulären sozialversicherungspflichtigen Erwerbsarbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt nachgehen, beträgt der Anteil an schwerbehinderten Menschen jedoch nur 2,7 % (Bundesagentur für Arbeit Statistik, 2018, S. 6). Hier zeigt sich, wie gering der Anteil von als schwerbehindert geltenden regulär auf dem ersten Arbeitsmarkt Beschäftigten offiziell ist. Aufgrund der Tatsache, dass es grundsätzlich eine hohe Zahl von als behindert geltenden Menschen im erwerbsfähigen Alter gibt, diese jedoch bezogen auf ihren Anteil am ersten Arbeitsmarkt sehr gering ausfällt, ist hier von einer hohen Dunkelziffer unter den nicht als behindert geltenden ArbeitnehmerInnen auf dem ersten Arbeitsmarkt auszugehen.

Daten dazu, wie viele der als behindert geltenden Personen überdies in einer Führungsposition tätig sind, liegen nicht vor. Im zweiten Bundesteilhabebericht wird zwar analysiert, in welchen beruflichen Stellungen sich Behinderte befinden, doch wird auch hier die Kategorie „Führungsposition“ in keiner Variante berücksichtigt (Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, 2016, S. 529). Doch der Verein Führungskräfte mit Behinderung e.V. i. Gr. Beweist öffentlich, dass behinderte Führungskräfte existieren (Heider, 2016).

Forschungsfrage: Wie gestalten sich berufliche Aufstiegsprozesse von Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt?

Methodik: Zur Beantwortung der Forschungsfrage führt Frau Schallenberger lebensgeschichtliche Interviews, diese werden transkribiert und nach der Biografischen Fallrekonstruktion Rosenthal (1995, 2015) in einem abduktiv-rekonstruktiven Vorgehen aus Perspektive der Disability Studies ausgewertet.

Literaturverzeichnis:

Alich, S. (2011). Angehörige erwachsener Menschen mit Behinderung. Ein Problemaufriss: empirisch-exemplarische Darstellung zur Lebenslage Angehöriger von Menschen mit Behinderung in Einrichtungen der Behindertenhilfe (Organisation und Individuum, Bd. 6). Zugl.: Köln, Univ., Diss., 2010. Berlin: Lit-Verl.

Bundesagentur für Arbeit Statistik (Hrsg.). (2018). Tabellen, Schwerbehinderte Menschen in Beschäftigung (Anzeigeverfahren SGB IX). Deutschland (Gebietsstand März 2018). Berichtsjahr 2016. Zugriff am 19.04.2018. Verfügbar unter statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Beschaeftigung/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen-Nav.html

Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (Hrsg.). (2016). Zweiter Teilhabe-Bericht der Bundes-Regierung 2016. Zusammenfassung des Berichts über das Leben von Menschen mit Beeinträchtigungen in Deutschland in leicht verständlicher Sprache (Stand: Dezember 2016). Verfügbar unter www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a125-16-teilhabebericht.pdf

Erwachsene Geschwister. erwachsene-geschwister.de/idee/[zuletzt geprüft am 15.01.19].

Hackenberg, W. (2008). Geschwister von Menschen mit Behinderung. Entwicklung, Risiken, Chancen. München: E. Reinhardt.

(Heider, B., Hrsg.). (2016, 21. November). „Führungskräfte mit Behinderung“ organisieren sich, Leadership Berlin - Netzwerk Verantwortung e.V. Zugriff am 27.07.2018. Verfügbar unter leadership-berlin.de/fuehrungskraefte-mit-behinderung-organisieren-sich/

Link, J. (2013). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird (5. Auflage). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Popescu-Willigmann, S. (2014). Berufliche Bewältigungsstrategien und "Behinderung" : Undoing Disability am Beispiel hochqualifizierter Menschen mit einer Hörschädigung. Wiesbaden: Springer VS.

Reimer, Daniela (2017). Normalitätskonstruktionen in Biografien ehemaliger Pflegekinder. Weinheim: Beltz.

Rosenthal, G. (1995): Erlebte und erzählte Lebensgeschichte: Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Rosenthal, G. (2015). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung (Grundlagentexte Soziologie, 5., aktualisierte und ergänzte Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.

Statistisches Bundesamt (Hrsg.). (2017). Statistik der schwerbehinderten Menschen. Kurzbericht 2015. Zugriff am 19.04.2018. Verfügbar unter www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/BehinderteMenschen/SozialSchwerbehinderteKB5227101159004.pdf

Waldschmidt, A. (2007). Die Macht der Normalität: Mit Foucault „(Nicht-)Behinderung“ neu denken. In R. Anhorn, F. Bettinger & J. Stehr (Hrsg.), Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit (S. 119–133). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.