WINDIS steht für: What is normal_disabled?

Die bundesweite WINDIS-Studie erforscht, wie Normalität und Behinderung über die Lebensspanne von Geschwistern erlebt werden, von denen ein Geschwister als behindert gilt.

Parallel zu dieser Studie entsteht im Rahmen einer Promotion eine Teilstudie zu biografischen Verläufen von beeinträchtigten Menschen, die auf sich auf dem ersten Arbeitsmarkt beruflich etablieren.

Kontakt:

Projektleitung: Frau Prof. Dr. Carla Wesselmann
carla.wesselmann(at)hs-emden-leer.de

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Frau Clarissa Schallenberger (MA)
clarissa.schallenberger(at)hs-emden-leer.de

Projekttelefon: 0151 61862184

Aktuelles:

save the date: Am 2. Juni 2021 werden Ergebnisse aus der WINDIS-Studie auf einem digitalen Fachtag vor- und zur Diskussion gestellt. Alle Interessierte sind herzlich eingeladen!

Wir freuen uns schon jetzt auf den Dialog mit Ihnen! Sie können sich auf den digitalen Fachtag einstimmen, indem Sie die digitale Pinnwand nutzen, um Ihre Fragen einzustellen anonym oder unter Ihrem Namen. Gerne können Sie uns aber auch eine E-Mail schicken.

Derzeit sind wir dabei aus den analysierten Interviews fallübergreifende Ergebnisse hinsichtlich Gemeinsamkeiten, Spezifika und Unterschiede herauszuarbeiten. So können wir zeigen, wie sich erwachsene (nicht)behinderte Geschwister im Spannungsfeld Normalität, familiäre Normen und Behinderung bewegen und in diesem handeln.

Ziel der WINDIS-Studie: ist es zu untersuchen, wie Normalität und Behinderung über die Lebensspanne im familiären Kontext erlebt werden. Dazu wurden Geschwister im Alter von 40 Jahren und älter befragt, denn die Geschwisterbeziehung gilt als längste soziale Beziehung. Forschungsleitend sind folgende Fragestellungen: Wie nehmen (nicht)behinderte Geschwister Prozesse der Differenz im Spiegel des Selbst und des anderen Geschwisterteils wahr? Welche Praktiken der Unterscheidung zwischen normal und behindert werden in den Lebenserzählungen befragter Geschwister thematisiert, auf welche familiären Normen und gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen wird dabei Bezug genommen?

Behinderung wird dabei nicht als individuelle körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigung bzw. Abweichung und Defizit verstanden, sondern – in Referenz auf die Disability Studies – als ein von der Gesellschaft produziertes soziales Problem (Davis, 2013; Waldschmidt, 2017). Dieses zeigt sich in unterschiedlichen einstellungs- und umweltbedingten Barrieren. Ziel ist es zu rekonstruieren, wie Menschen sich im Spannungsfeld von Normalität und Behinderung bewegen und eben dieses mitgestalten (Waldschmidt, 2007).

Dazu werden die in den Interviews aufscheinenden gesellschaftlichen Diskurse zu Behinderung, lebensweltliche Expertisen und Umgang der von Beeinträchtigung und Behinderung betroffenen Menschen, ihren Geschwistern und weiteren An- und Zugehörigen in den Blick genommen.

Methodik: Zur Beantwortung der Forschungsfragen haben wir lebensgeschichtliche Interviews geführt. Diese wurden transkribiert und nach der Biografischen Fallrekonstruktion Rosenthal (1995, 2018) in einem abduktiv-rekonstruktiven Vorgehen ausgewertet. Zudem wurden Globalanalysen erstellt und nach der Objektiven Hermeneutik einzelne Abschnitte der Interviews feinanalytisch ausgewertet.

Ausblick: Welche Schlüsse lassen sich aus den Ergebnissen der WINDIS-Studie hinsichtlich der Dynamiken des Spannungsfeldes Normalität und Behinderung mit Blick auf familiäre Kontexte ziehen?

Das Projekt wird über das VW-Vorab „Professorinnen für Niedersachen“ von Januar 2018 bis Juni 2021 finanziert. Darin enthalten ist eine Pandemiebedingte Verlängerung um ein halbes Jahr.

Teilstudie zu biografischen Verläufen behinderter Führungskräfte

Aktuelles zur Teilstudie: Bisher konnten bereits Interviews mit Männern geführt werden. Um auch Frauen in den Blick zu nehmen werden daher Frauen gesucht, die von Geburt oder früher Kindheit beeinträchtigt sind und sich auf dem ersten Arbeitsmarkt beruflich etabliert haben.

Die Datenerhebung erfolgt in Form narrativer Interviews mit der Bitte die Lebensgeschichte zu erzählen. In einer Interviewvereinbarung wird zugesichert, dass sämtliche Angaben anonymisiert und ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke auf Basis der europäischen Datenschutzverordnung verwendet werden.

Hintergrund:  Im Jahr 2015 gelten in der Bundesrepublik Deutschland 9,3 % der Gesamtbevölkerung als schwerbehindert (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2017, S. 5). Die Dunkelziffer von Menschen mit nicht anerkannten Behinderung ist jedoch wahrscheinlich bedeutend größer (Popescu-Willigmann, 2014, S. 23).
Von allen als sozialversicherungspflichtig registrierten Menschen, die 2016 in der Bundesrepublik Deutschland einer regulären sozialversicherungspflichtigen Erwerbsarbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt nachgehen, beträgt der Anteil an schwerbehinderten Menschen jedoch nur 2,7 % (Bundesagentur für Arbeit Statistik, 2018, S. 6). Hier zeigt sich, wie gering der Anteil von als schwerbehindert geltenden regulär auf dem ersten Arbeitsmarkt Beschäftigten offiziell ist. Aufgrund der Tatsache, dass es grundsätzlich eine hohe Zahl von beeinträchtigten Menschen im erwerbsfähigen Alter gibt, diese jedoch bezogen auf ihren Anteil am ersten Arbeitsmarkt sehr gering ausfällt, ist hier von einer hohen Dunkelziffer unter den nicht als behindert geltenden ArbeitnehmerInnen auf dem ersten Arbeitsmarkt auszugehen.

Daten dazu, wie viele der als behindert geltenden Personen überdies auf dem ersten Arbeitsmarkt beruflich erfolgreich sein, messbar beispielsweise daran, ob sie in einer Führungsposition tätig sind, liegen nicht vor. Im zweiten Bundesteilhabebericht wird zwar analysiert, in welchen beruflichen Stellungen sich Behinderte befinden, doch erlaubt die Statistik keine Rückschlüsse auf berufliche Aufstiegsprozesse. So wird beispielsweise die Kategorie „Führungsposition“ in keiner Variante berücksichtigt (Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, 2016, S. 529). Doch der Verein Führungskräfte mit Behinderung e.V. i. Gr. beweist öffentlich, dass beeinträchtigte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt beruflich erfolgreich sind und existieren (Heider, 2016).

Forschungsfrage: Wie gestalten sich berufliche Aufstiegsprozesse von beeinträchtigen Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt?

Methodik: Zur Beantwortung der Forschungsfrage führt Frau Schallenberger lebensgeschichtliche Interviews, diese werden transkribiert und nach der Biografischen Fallrekonstruktion Rosenthal (1995, 2015) in einem abduktiv-rekonstruktiven Vorgehen aus Perspektive der Disability Studies Priestley (2003) anonymisiert ausgewertet. Die Studie legt das gleiche Behinderungsverständnis wie die WINDIS Studie zugrunde.

Literaturverzeichnis:

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.). Zweiter Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen (Teilhabe – Beeinträchtigung – Behinderung). Bonn. Zugriff am 14.01.2021. Verfügbar unter: https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a125-16-teilhabebericht.pdf;jsessionid=31F51D87DA2B9AE808DFBE0F942ABDAF.delivery1-master?__blob=publicationFile&v=1#page=227&zoom=100,109,184

Davis, L. J. (2013). Constructing normalcy. In L. J. Davis (Ed.), The disability studies reader (4th ed., S. 1–16). New York, NY: Routledge.

 

Fischer-Rosenthal, W. & Rosenthal, G. (1997). Warum Biographieanalyse und wie man sie macht. Zeitschrift für Sozialforschung und Erziehungssoziologie (ZSE)17(4), 405–427.

Leadership Berlin - Netzwerk Verantwortung e.V. (Heider, B., Hrsg.). (2016, 21. November). „Führungskräfte mit Behinderung“ organisieren sich, Leadership Berlin - Netzwerk Verantwortung e.V. Zugriff am 27.07.2018. Verfügbar unter: http://leadership-berlin.de/fuehrungskraefte-mit-behinderung-organisieren-sich/

Popescu-Willigmann, S. (2014). Berufliche Bewältigungsstrategien und "Behinderung" : Undoing Disability am Beispiel hochqualifizierter Menschen mit einer Hörschädigung. Wiesbaden: Springer VS.

Rosenthal, G. (1995): Erlebte und erzählte Lebensgeschichte: Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Rosenthal, G. (2015). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung (Grundlagentexte Soziologie, 5., aktualisierte und ergänzte Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.

Köbsell, S. (2016). Doing Dis_ability: Wie Menschen mit Beeinträchtigungen zu „Behinderten“ werden. In K. Fereidooni & A. P. Zeoli (Hrsg.), Managing Diversity (S. 89–103). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Priestley, M. (2003). Disability. A life course approach. Cambridge: Polity Press.

Rosenthal, G. (1995). Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Frankfurt/Main: Campus-Verl.

Rosenthal, G. (2015). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung (Grundlagentexte Soziologie, 5., aktualisierte und ergänzte Auflage). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Waldschmidt, A. (2007). Die Macht der Normalität: Mit Foucault „(Nicht-)Behinderung“ neu denken. In R. Anhorn, F. Bettinger & J. Stehr (Hrsg.), Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit (S. 119–133). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Waldschmidt, A. (2017). Disability Goes Cultural: The Cultural Model of Disability as an Analytical Tool. In A. Waldschmidt, H. Berressem & M. Ingwersen (Eds.), Culture - Theory - Disability. Encounters between Disability Studies and Cultural Studies (Disability Studies. Körper - Macht - Differenz, vol. 10, S. 19–28). Bielefeld: transcript Verlag.