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Integration fördern

Bild: Hochschule Emden/Leer

Evija Imamovic fand in Emden ein Zuhause

An ihren ersten Tag als Studentin an der Hochschule kann sich Edvija Imamovic heute nicht mehr genau erinnern. Aber an das Gefühl von Verunsicherung – auch, wenn sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Jahren in Deutschland lebte. Und zugleich war da ein warmes Gefühl des Willkommenseins. „Zugehörigkeit ist ein Thema, dass sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht“, sagt die gebürtige Bosnierin, die mit ihrer Familie vor mehr als dreißig Jahren vor dem Krieg nach Deutschland floh.

Wenn Edvija Imamovic ihre Geschichte erzählt, taucht ihr Gegenüber sofort mit ein in die Erlebnisse, Bilder und Emotionen, die ein ganzes Buch füllen könnten. Schmerzhaft präsent ist noch heute die Angst, die sie und ihre drei Schwestern umtrieb, als sie im Mai 1992 – etwa einen Monat nach Ausbruch des Bosnienkriegs – gemeinsam mit ihrer Mutter ihre Heimatstadt Tuzla verließen. Der Vater war beruflich oft für längere Zeit im Ausland und befand sich zu diesem Zeitpunkt als Schweißer bei den Nordseewerken in Emden. 

Es folgte eine herausfordernde Flucht. Die Brücke über den Grenzfluss Save war zerstört, so dass die Überfahrt nach Kroatien per Floß angetreten werden musste. Weiter ging es nach Slowenien und Wien, wo die Frauen drei Tage am Busbahnhof verbrachten. Erst dort gab es die Möglichkeit, den Vater in Emden zu kontaktieren. In der Seehafenstadt angekommen, musste die Familie zunächst in einem winzigen Apartment und später mit zehn Personen in einer Drei-Zimmer Wohnung unterkommen. Zwar änderte sich die Wohnsituation einige Monate später, doch der Vater verlor seinen Job bei einer kroatischen Firma, bei der er 18 Jahre beschäftigt war – und damit auch seinen Aufenthaltsstatus als Werkvertragsarbeitnehmer. Der Familie wurde eine Duldung (Aussetzung der Abschiebung aufgrund des Krieges) erteilt, die alle drei Monate verlängert werden musste. Über ein deutsches Unternehmen ergab sich schließlich eine neue Beschäftigungsmöglichkeit. 

Edvija Imamovic konnte erst rund Jahr nach der Flucht durch das Engagement eines Schulleiters an der BBS II in Emden die Hauswirtschaftsklasse besuchen, sprach kaum Deutsch und versuchte, sich zurechtzufinden. Ihr Interesse an pädagogischer Arbeit kam mit dem Besuch der Kinderpflegeklasse und der darauffolgenden Erzieherausbildung. „Ich habe schon früh gespürt, dass ich eine Beschäftigung brauche, die einen tieferen Sinn hat und eine gewisse Ideologie in sich trägt“, erklärt sie. Dies inspirierte sie auch zu ihrem Studium der Sozialen Arbeit, das sie im Oktober 1999 in Emden startete. Und zunächst sah es so aus, als wäre die Familie angekommen. Doch gut ein Jahr später die schlimme Nachricht: Die Eltern mussten nach Bosnien zurückkehren, ihr Status und die Gesetzgebung zur damaligen Zeit ließen keine Alternative zu. Edvija Imamovic und ihre ältere Schwester hatten geheiratet, für die jüngste Schwester gab es eine Sonderregelung. 

Dieses einschneidende Ereignis prägte die Studienzeit der jungen Frau. „Mir war nicht nach Partys, es war sehr schlimm für uns und hat viel Energie und Kraft gekostet“, sagt sie. Und doch ist sie noch heute überwältigt von der Anteilnahme, die sie in und außerhalb der Hochschule erfahren hat. So schrieb ihr damaliger Professor Walter Dissinger eine Petition an den niedersächsischen Landtag, unterstützt von zahlreichen Studierenden. Es gab Leserbriefe in den regionalen Zeitungen, und auch die Kirchengemeinden hatten ihre Hilfe angeboten. 

Nach ihrem sehr guten Abschluss absolvierte Edvija Imamovic ihr Anerkennungsjahr beim sozialpsychiatrischen Dienst bei der Stadt Emden. Die anschließende Jobsuche gestaltete sich jedoch schwierig, so dass sie zunächst über ihr ehrenamtliches Engagement – etwa im Integrationsrat der Stadt, interreligiösem Gesprächskreis oder bei der AWO in Emden – in ihrem Berufsfeld Fuß fasste. „ich kann jedem, der keine berufliche Beschäftigung findet, empfehlen sich freiwillig zu engagieren“, sagt die 49-Jährige heute. Über ihr inzwischen geknüpftes Netzwerk und eine erfolgreiche Bewerbung kam sie schließlich als Koordinatorin des Förderprogramms Mehrgenerationenhaus in den Emder Kulturbunker. „Als der Anruf kam – das war ein richtiger Glücksmoment“, erinnert sie sich. 

Ab da ging es beruflich bergauf: Im Jahr 2013 übernahm Imamovic die Leitung der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe bei der Stadt Emden und konnte endlich vieles auf den Weg bringen, was ihr wichtig war und was die Situation erforderte: der Aufbau eines Dolmetscherpools, die Ausbildung so genannter Integrationslotsen, Schulberatung für die ressourcenorientierte Integration von neuzugewanderten Kindern in das Schulsystem und vieles mehr. „Früher wurden Kinder Geflüchteter oft direkt in Förderschulen geschickt, heute ist das zum Glück anders“, sagt sie. Ihr Engagement brachte sie erneut weiter: Seit März vergangenen Jahres leitet Imamovic den Fachdienst Gemeinwesen bei der Stadt Emden. „Hier kann ich meine Erfahrungen einbringen und viele gesellschaftlich relevante Themen voranbringen, aktiv am System mitarbeiten und Strukturen weiterentwickeln. Und ich weiß, wie wichtig es ist, gesehen zu werden, und Menschen als Türöffner an seiner Seite zu haben“, so die 49-Jährige. 

Auch den Kontakt zur Hochschule hält Edvija Imamovic bis heute: durch Lehraufträge, Vorträge im Bereich Interkulturalität, Unterstützung von Projekten am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit oder auch Studierende, die bei ihr im Fachdienst Gemeinwesen ihr Anerkennungsjahr absolvieren. „Ich möchte anderen durch meine Erfahrungen gerne mit auf den Weg geben, dass sie an sich glauben und sich etwas zutrauen sollen – ohne das wäre ich nicht hier“, sagt sie.

Integration fördern

Bild: Hochschule Emden/Leer

Evija Imamovic fand in Emden ein Zuhause

An ihren ersten Tag als Studentin an der Hochschule kann sich Edvija Imamovic heute nicht mehr genau erinnern. Aber an das Gefühl von Verunsicherung – auch, wenn sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Jahren in Deutschland lebte. Und zugleich war da ein warmes Gefühl des Willkommenseins. „Zugehörigkeit ist ein Thema, dass sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht“, sagt die gebürtige Bosnierin, die mit ihrer Familie vor mehr als dreißig Jahren vor dem Krieg nach Deutschland floh.

Wenn Edvija Imamovic ihre Geschichte erzählt, taucht ihr Gegenüber sofort mit ein in die Erlebnisse, Bilder und Emotionen, die ein ganzes Buch füllen könnten. Schmerzhaft präsent ist noch heute die Angst, die sie und ihre drei Schwestern umtrieb, als sie im Mai 1992 – etwa einen Monat nach Ausbruch des Bosnienkriegs – gemeinsam mit ihrer Mutter ihre Heimatstadt Tuzla verließen. Der Vater war beruflich oft für längere Zeit im Ausland und befand sich zu diesem Zeitpunkt als Schweißer bei den Nordseewerken in Emden. 

Es folgte eine herausfordernde Flucht. Die Brücke über den Grenzfluss Save war zerstört, so dass die Überfahrt nach Kroatien per Floß angetreten werden musste. Weiter ging es nach Slowenien und Wien, wo die Frauen drei Tage am Busbahnhof verbrachten. Erst dort gab es die Möglichkeit, den Vater in Emden zu kontaktieren. In der Seehafenstadt angekommen, musste die Familie zunächst in einem winzigen Apartment und später mit zehn Personen in einer Drei-Zimmer Wohnung unterkommen. Zwar änderte sich die Wohnsituation einige Monate später, doch der Vater verlor seinen Job bei einer kroatischen Firma, bei der er 18 Jahre beschäftigt war – und damit auch seinen Aufenthaltsstatus als Werkvertragsarbeitnehmer. Der Familie wurde eine Duldung (Aussetzung der Abschiebung aufgrund des Krieges) erteilt, die alle drei Monate verlängert werden musste. Über ein deutsches Unternehmen ergab sich schließlich eine neue Beschäftigungsmöglichkeit. 

Edvija Imamovic konnte erst rund Jahr nach der Flucht durch das Engagement eines Schulleiters an der BBS II in Emden die Hauswirtschaftsklasse besuchen, sprach kaum Deutsch und versuchte, sich zurechtzufinden. Ihr Interesse an pädagogischer Arbeit kam mit dem Besuch der Kinderpflegeklasse und der darauffolgenden Erzieherausbildung. „Ich habe schon früh gespürt, dass ich eine Beschäftigung brauche, die einen tieferen Sinn hat und eine gewisse Ideologie in sich trägt“, erklärt sie. Dies inspirierte sie auch zu ihrem Studium der Sozialen Arbeit, das sie im Oktober 1999 in Emden startete. Und zunächst sah es so aus, als wäre die Familie angekommen. Doch gut ein Jahr später die schlimme Nachricht: Die Eltern mussten nach Bosnien zurückkehren, ihr Status und die Gesetzgebung zur damaligen Zeit ließen keine Alternative zu. Edvija Imamovic und ihre ältere Schwester hatten geheiratet, für die jüngste Schwester gab es eine Sonderregelung. 

Dieses einschneidende Ereignis prägte die Studienzeit der jungen Frau. „Mir war nicht nach Partys, es war sehr schlimm für uns und hat viel Energie und Kraft gekostet“, sagt sie. Und doch ist sie noch heute überwältigt von der Anteilnahme, die sie in und außerhalb der Hochschule erfahren hat. So schrieb ihr damaliger Professor Walter Dissinger eine Petition an den niedersächsischen Landtag, unterstützt von zahlreichen Studierenden. Es gab Leserbriefe in den regionalen Zeitungen, und auch die Kirchengemeinden hatten ihre Hilfe angeboten. 

Nach ihrem sehr guten Abschluss absolvierte Edvija Imamovic ihr Anerkennungsjahr beim sozialpsychiatrischen Dienst bei der Stadt Emden. Die anschließende Jobsuche gestaltete sich jedoch schwierig, so dass sie zunächst über ihr ehrenamtliches Engagement – etwa im Integrationsrat der Stadt, interreligiösem Gesprächskreis oder bei der AWO in Emden – in ihrem Berufsfeld Fuß fasste. „ich kann jedem, der keine berufliche Beschäftigung findet, empfehlen sich freiwillig zu engagieren“, sagt die 49-Jährige heute. Über ihr inzwischen geknüpftes Netzwerk und eine erfolgreiche Bewerbung kam sie schließlich als Koordinatorin des Förderprogramms Mehrgenerationenhaus in den Emder Kulturbunker. „Als der Anruf kam – das war ein richtiger Glücksmoment“, erinnert sie sich. 

Ab da ging es beruflich bergauf: Im Jahr 2013 übernahm Imamovic die Leitung der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe bei der Stadt Emden und konnte endlich vieles auf den Weg bringen, was ihr wichtig war und was die Situation erforderte: der Aufbau eines Dolmetscherpools, die Ausbildung so genannter Integrationslotsen, Schulberatung für die ressourcenorientierte Integration von neuzugewanderten Kindern in das Schulsystem und vieles mehr. „Früher wurden Kinder Geflüchteter oft direkt in Förderschulen geschickt, heute ist das zum Glück anders“, sagt sie. Ihr Engagement brachte sie erneut weiter: Seit März vergangenen Jahres leitet Imamovic den Fachdienst Gemeinwesen bei der Stadt Emden. „Hier kann ich meine Erfahrungen einbringen und viele gesellschaftlich relevante Themen voranbringen, aktiv am System mitarbeiten und Strukturen weiterentwickeln. Und ich weiß, wie wichtig es ist, gesehen zu werden, und Menschen als Türöffner an seiner Seite zu haben“, so die 49-Jährige. 

Auch den Kontakt zur Hochschule hält Edvija Imamovic bis heute: durch Lehraufträge, Vorträge im Bereich Interkulturalität, Unterstützung von Projekten am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit oder auch Studierende, die bei ihr im Fachdienst Gemeinwesen ihr Anerkennungsjahr absolvieren. „Ich möchte anderen durch meine Erfahrungen gerne mit auf den Weg geben, dass sie an sich glauben und sich etwas zutrauen sollen – ohne das wäre ich nicht hier“, sagt sie.