Stillförderung – Familien abholen, wo sie sind und dahin begleiten, wo sie hinwollen

Geschrieben von Astrid Kruid

Das Stillen ist ein sehr emotional besetztes Thema. Mütter die gar nicht oder nur kurz stillen sind Rabenmütter; Mütter, die zu lang stillen, sind schlecht für die Entwicklung ihrer Kinder und deren Eigenständigkeit. Dass der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen von diversen anderen Faktoren, außer vom Stillen, abhängt, sollte bei kurzem Überlegen den meisten Menschen klar sein. Trotz allem ist es unbestritten, dass das Stillen sehr viele Vorteile für die Gesundheit und die Entwicklung des gestillten Kindes aber auch der Mutter hat. So leiden gestillte Kinder zum Beispiel seltener an Infektionen des Magen-Darm-Traktes oder an allergischen Hauterkrankungen (Kramer et al. 2000) und haben später seltener krankhaftes Übergewicht oder einen Diabetes Typ II (Horta, Cesar 2013). Mütter, die gestillt haben, haben beispielsweise ein geringeres Risiko später Brustkrebs (Newcomb et al. 1994; Zeng et al. 2001) oder Bluthochdruck (Adair, Dahly 2005) zu entwickeln. Noch immer werden neue Inhaltsstoffe in der Muttermilch gefunden und noch immer gibt es neue Erkenntnisse zu positiven Folgen des Stillens, bzw. ungünstigen Folgen des Nicht-Stillens. Dies alles sollte überzeugen, die Stillförderung in Deutschland voran zu treiben und Schwangere und junge Mütter motivieren mit dem Stillen zu beginnen und es einige Monate weiter zu führen. Was jedoch nicht passieren sollte, ist ein gesellschaftlicher Druck, dass jedes Kind, gemäß der WHO-Empfehlung (Dewey 2003), sechs Monate voll gestillt werden muss. Müttern sollten zum einen dieser Druck genommen werden und zum anderen möglichst stillfreundliche Bedingungen geboten werden, die sie in ihren Bemühungen, ihre Kinder zu stillen, unterstützen!

In Deutschland gab es Ende der 1990er Jahre eine Erhebung zu Stillraten und Stilldauer (SuSe, Stillen und Säuglingsernährung; Dulon, Kersting 2000) die derzeit ein zweites Mal durchgeführt wird. Damit wird eine mögliche Veränderung des Stillverhaltens in den letzten 20 Jahren dargestellt werden können. Eine weitere große und erstmals repräsentative Studie (KIGGS Welle 2), die im Gegensatz zur SuSe Studie auch Frühgeborene und kranke Neugeborene miteinschloss, wurde gerade veröffentlicht (Brettschneider et al. 2018). Auf Grund der unterschiedlichen Herangehensweisen sind die Ergebnisse der beiden Studien nicht direkt miteinander zu vergleichen. Gleichwohl sollen die Zahlen nachfolgend nebeneinander dargestellt werden.

 

 

Stillbeginn

4

Monate voll gestillt

4 Monate gestillt plus andere Nahrung

6

Monate voll gestillt

6 Monate gestillt plus andere Nahrung

12

Monate gestillt plus andere Nahrung

SuSe

(Erhebung 1997-98)

91 %

33 %

55 %

10 %

43 %

9 %

KIGGS

(Jahrg. 2009-10)

86 %

45 %

66 %

12 %

55 %

22 %

KIGGS (Jahrg. 2013-14)

87 %

46 %

66 %

15 %

56 %

20 %

 

Insbesondere der Vergleich der KIGGS Daten der Jahrgänge 2009 - 2010 und der Jahrgänge 2013 – 2014 zeigt, dass in diesem Zeitraum nur eine geringe Verbesserung der Stillraten zu verzeichnen war. Gleichzeitig gaben Mütter, wenn sie nach ihren Gründen für das Abstillen gefragt wurden, sehr häufig Stillprobleme wie Schmerzen beim Stillen und zu wenig Milch an. Nur wenige gaben an, sie hätten nicht länger stillen wollen. Besonders die Mütter, die wegen Stillproblemen abstillen, gilt es zu erreichen. Sie sollten eine stillfreundliche Umgebung vorfinden, die sie unterstützt, ihr Stillziel wertfrei zu erreichen. Egal ob dieses bei acht Wochen, vier Monaten oder längerem Stillen liegt. Jegliches Stillen hat Vorteile für Mutter und Kind. Eventuell ist es eine realistische Alternative für einzelne Mütter, das Stillen mit ergänzender anderer Ernährung fortzuführen. Damit dies gelingt brauchen sie eine professionelle Unterstützung durch Geburtskliniken, Hebammen, Stilberater*innen und Gynäkolog*innen. In diesem Bereich werden also flächendeckend gut qualifiziertes Personal und Konzepte zur Stillförderung und zur interdisziplinären Zusammenarbeit benötigt. Das international angelegte Forschungsprojekt „Becoming Breastfeeding Friendly“ setzt derzeit hier an und will die aktuelle Situation der Stillförderung in Deutschland abbilden und daraus Handlungsempfehlungen für eine weitere Verbreitung und eine Ausdehnung der Dauer des Stillens ableiten (Gesund ins Leben 2018, o. S.).

Literatur

Adair, L., Dahly, D. (2005): Developmental determinants of blood pressure in adults. Annu Rev Nutr 2005; 25: 407–34

Brettschneider. A.-K.; Lippe, von der, E.; Lange, C. (2018): Stillverhalten in Deutschland- Neues aus der KIGSS Welle 2. In: Bundesgesundheitsblatt 61: 920-925

Dewey, K. (2003): Guiding principles for complementary feeding of the breastfed child, WHO, Washington

Dulon, M.; Kersting, M. (2000): Stillen und Säuglingsernährung in Deutschland – die SuSe-Studie. In: Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.) Ernährungsbericht 2000. DGE, Frankfurt, 81–95

Gesund ins Leben (2018): Becoming Breastfeeding Friendly. www.gesund-ins-leben.de/inhalt/warum-gibt-es-das-vorhaben-30514.html ,  Abruf am 06.12.2018

Horta, L. B.; Cesar, G. V. (2013): Long-term effects of breastfeeding: a systematic review, WHO, Genf

Kramer M.S.; Chalmers, B.; Hodnett, E. D.; Sevkovskaya,  Z.; Dzikovich, I.; Shapiro, S.; Collet, J. P. ; Vanilovich,  I.;  Mezen, I.; Ducruet, T. Shishko, G.; Zubovich, V.; Mknuik, D.; Gluchanina, E.; Dombrovskiy, V.; Ustinovitch, A.; Kot, T.; Bogdanovich, N.; Ovchinikova, L.; Helsing, E. (2000): Promotion of breastfeeding intervention trial (PROBIT): a cluster-randomized trial in the Republic of Belarus. Adv Exp Med Biol 2000; 478: 327-345

Newcomb, P. A.; Storer, B. E.; Longnecker, M. P.; Mittendorf, R.; Greenberg, E. R.; Clapp, R. W.; Burke, K. P.; Willett, W. C.; MacMahon, B. (1994): Lactation and a reduced risk of premenopausal breast cancer. N Engl J Med 1994; 330: 81-87

Zheng, T.; Holford, T. R.; Mayne, S. T.; Owens, P. H.; Zhang, Y.; Zhang, B.; Boyle, P.; Zahm, S. H. (2001): Lactation and breast cancer risk: a case–control study in Connecticut. Br J Cancer 2001 June; 84(11): 1472–1476

Das Asperger-Syndrom

In diesem Fachbeitrag soll die aktuelle Klassifikation der Autismus-Spektrum-Störungen (ICD 10, F84) kurz erläutert werden: zu diesem gehört das sogenannte Asperger-Syndrom (F 84.5), das neben dem Frühkindlichem Autismus (F 84.0), und Atypischen Autismus (F 84.1) zur Reihe der Autismus-Spektrum-Störungen gehört1. Bei dem Asperger-Syndrom handelt es sich gegenüber dem frühkindlichem und atypischem Autismus um eine vergleichsweise gering auffällige Behinderung, die sich in einem abweichendem Sozialverhalten und eingeschränkter Psychomotorik äußert2.  Meistens ergeben sich die ersten Probleme mit dem Schulbeginn, wenn dort das Sozialverhalten des Kindes abweichend von denen der Gleichaltrigen wahrgenommen wird3,4. In den meisten Fällen ist die Ausbildung der Intelligenz normal bis überdurchschnittlich, lediglich werden diese Kinder als seltsam oder auffällig beschrieben, unter anderem weil diese zum Beispiel das Verhalten der anderen Kinder nicht antizipieren können, bzw. als sonderbar wahrgenommen werden5. Kinder mit Asperger-Syndrom haben für ihr Alter eher ungewöhnliche Hobbies und Interessen6.  Auch weicht die sprachliche Artikulationsfähigkeit der Kinder von denen Gleichaltriger ab7. Man muss allerdings dazu sagen, dass hier individuelle Ausprägungen existieren und die beschriebenen Merkmale unterschiedlich auftreten. Auch können diese Kinder häufig nur sehr schwer mit kurzfristigen Veränderungen umgehen, weil sie sich nicht so schnell auf neue Situationen einstellen können8.

Die Diagnose wird nicht selten erst spät festgestellt, manchmal bis ins höhere Erwachsenenalter. Bis dahin können sich zu dem Syndrom auch noch weitere psychische Erkrankungen gesellen, die für Aspergerautisten typisch sind9. Insgesamt wird den AutismusSpektrum-Störungen bzw. den autistischen Erkrankungen erst seit den neunziger Jahren vermehrt Aufmerksamkeit gewidmet, so dass zum Bedarf noch nicht die nötige Infrastruktur (Therapieeinrichtungen etc.) geschaffen ist10. Somit ist die Anzahl der therapeutischen Einrichtungen also noch nicht ausreichend.  Gerade bei Erwachsenen gibt es Probleme wegen langer Wartezeiten, um erst einmal überhaupt eine Diagnose vornehmen zu lassen. Hier wäre jetzt der Ansatzpunkt für eine Therapie, um den sozialen Umgang mit anderen zu trainieren. Bei Kindern müssen Lehrkräfte deren Besonderheiten in der Unterrichtsgestaltung berücksichtigen, damit auch im Schulalltag Wege gefunden werden können um das Schulziel für alle Seiten zufriedenstellend zu lösen11. Auch Erwachsene können mit therapeutischer Unterstützung den Weg ins Berufsleben (zurück-)finden, um so eine dauerhafte Arbeitslosigkeit zu vermeiden12.  

 


 

1 Der Bundesverband autismus Deutschland e. V. (o. J.): Was ist Autismus? O. O. o. S. www.autismus.de/was-ist-autismus.html (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)  
2 Der Bundesverband autismus Deutschland (o.J.): Elternratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Hamburg. www.autismus.de/fileadmin/user_upload/Elternratgeber_final.pdf (zuletzut abgerufen am 05.03.2018)  
3Ebd.   
4 Sozialverband VdK Deutschland e. V. (2012): Kinder mit Asperger-Syndrom: Wozu „Hallo“ und „Tschüss“ sagen? Berlin. O. S. www.vdk.de/deutschland/pages/28135/kinder_mit_asperger_syndrom_wozu_hallo_und_tschuess_sagen (zuletzt abgerufen am 05.03.2018  
5 Der Bundesverband autismus Deutschland (o.J.): Elternratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Hamburg. www.autismus.de/fileadmin/user_upload/Elternratgeber_final.pdf (zuletzut abgerufen am 05.03.2018)
6 Remschmidt, Helmut; Kamp-Becker, Inge (2007): Das Asperger-Syndrom – eine Autismus-Spektrum-Störung. In: Deutsches Ärzteblatt (Hrsg.). 2007. 104(13): A-873 – A82. www.aerzteblatt.de/pdf.asp (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)  
7 Der Bundesverband autismus Deutschland (o.J.): Elternratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Hamburg. www.autismus.de/fileadmin/user_upload/Elternratgeber_final.pdf (zuletzut abgerufen am 05.03.2018)
8 Roy, Mandy; Dillo, Wolfgang; Emrich, Hinderk M.; Ohlmeier, Martin D. (2009): Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter. In: Deutsches Ärzteblatt (Hrsg.). 2009; 106(5): 59-64. www.aerzteblatt.de/archiv/63173/Das-Asperger-Syndrom-im-Erwachsenenalter (zuletzt abgerufen am 05.03.2018) 

9 Der Bundesverband autismus Deutschland e. V. (o. J.): Was ist Autismus? O. O. o. S. www.autismus.de/was-ist-autismus.html (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)  
10 Philipps Universität Marburg (2015): AG Autismusspektrum. Marburg. O. S. www.unimarburg.de/fb20/kjp/forschung/aut (zuletzt geöffnet am 05.03.2018) und  Philipps Universität Marburg (2013): Geschichte der autistischen Störungen. Marburg. O. S. www.unimarburg.de/fb20/kjp/forschung/aut/ass/geschichte (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)    
11 Hessisches Kultusministerium (2016): Einstiegshilfen für den Unterricht von Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum. Wiesbaden. kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/einstiegshilfen_fuer_den_unterricht_von_kindern _und_jugendlichen_im_autismus-spektrum.pdf (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)
12 Feuerbach, Leonie (2015): Ein Autist in der Arbeitswelt. In: Frankfurter Allgemeine. 04.01.2015. o. S. www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/asperger-syndrom-ein-autist-in-der-arbeitswelt-13345066.html (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)

„Heimärztliche Versorgung“ in Pflegeheimen

Die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen in Deutschland rückt immer mehr in den öffentlichen Fokus unserer Gesellschaft. Laut Statistiken wird zwar der Großteil der zu Pflegenden weiterhin zuhause versorgt, jedoch zeigt eine Pflegedatenbank, dass es bundesweit ca. 11.390 Pflegeheime gibt, in denen ca. 783.000, pflegebedürftige versorgt werden1. Mit der pflegerischen Versorgung im Pflegeheim ändern sich viele Strukturen im Lebensalltag der Betroffenen. Allerdings bleibt in der Regel der bis zum Einzug in eine Pflegeeinrichtung betreuende Hausarzt weiter für den Patienten bestehen. Dies bringt enorme Herausforderungen für die Pflegeeinrichtungen mit sich. Denn viele unterschiedliche niedergelassene Ärzte besuchen zu unterschiedlichen Zeiten oft unstrukturiert und qualitativ unterschiedlich ihre Patienten. Durch dieses unkoordinierte Vorgehen müssen in Notlagen oft Notärzte und Rettungsdienstpersonal alarmiert, und Heimbewohner unnötig in Krankenhäuser verlegt werden. Darüber hinaus finden an Wochenenden sowie Feiertagen in der Regel keine Visiten durch die Hausärzte in den Pflegeeinrichtungen statt. Auch die Arztpraxen haben mit einer zusätzlichen Belastung durch dieses Vorgehen zu kämpfen.2

Um diesem Problem entgegen zu wirken wurde das „Heimarztmodell“ eingeführt, welches die niedergelassenen Arztpraxen entlasten und die Gesundheit der Pflegeheimbewohner qualitativ verbessern soll. Zusätzlich soll durch neuentwickelte standardisierte Prozesse die Arbeit und Kommunikation zwischen den Schnittstellen Arztpraxis und Pflegeheim besser gelingen mit dem Ziel, die Lebensqualität der Bewohner zu steigern. Aber auch das Pflegepersonal in den Einrichtungen soll durch diesen Prozess effizienter arbeiten können. Um diese Ziele erreichen zu können, stellte z.B. das Lingner Ärztenetzwerk „genial eG“, das dieses Projekt durchführt einen Arzt ein, der als sogenannter „Heimarzt“ bezeichnet wird. Mithilfe dieses Arztes soll durch festgelegte Standards und Leitlinien eine bessere medizinische Versorgung gewährleistet werden. Die erstellten Leitlinien sollen sicherstellen, dass Heimbewohner einen festen ärztlichen Ansprechpartner haben. Auch ist vorgesehen, dass die Pflegefachkräfte die anstehenden Visiten der Ärzte mit begleiten. Darüber hinaus soll der Heimarzt seine Anordnungen wie Medikation und Therapien für das Pflegepersonal einsehbar dokumentieren und protokollieren. Die Pflegekräfte sollen beim Ausarbeiten der Anordnungen die zuständige Apotheke über Medikamentenänderungen informieren.3

Eine wesentliche Erleichterung für die organisatorischen Abläufe und die Kommunikation zwischen Hausarzt und Pflegepersonal bildet bei diesem Modell die Tatsache, dass anstelle einer Vielzahl unterschiedlicher Hausärzte der „Heimarzt“ den zentralen Ansprechpartner für das Pflegepersonal und die Pflegeeinrichtung bildet. Um das Heimarztmodell weiter auszubauen und die Versorgungsqualität weiterer Betroffener zu verbessern sollen weitere Pflegeeinrichtungen in das Modellprojekt miteingebunden werden.4

 

 

Literaturangaben:

Hentrich, W., Schwerdt, C. (2011): Heimarztmodell. Konzept zur Heimarztversorgung durch einen angestellten Arzt. Verfügbar unter www.msd.de/fileadmin/user_upload/Heimarztmodell.pdf (Datum des Zugriffes, 31.01.2018)

Lohbeck, R. (2005): Pflegeheime: Das „Heimarztmodell. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 46, S. 3176-3177. Verfügbar unter: www.aerzteblatt.de/pdf.asp (Datum des Zugriffes, 31.01.2018)

Meisner, S. (2016): Anzahl der Statistik der Altenheime in Deutschland. Verfügbar unter: www.pflegemarkt.com/2016/10/28/anzahl-und-statistik-der-altenheime-in-deutschland/ (Datum des Zugriffes, 31.01.2018)

Geschrieben von

Hendrik Eiynck

Student im Master Soziale Arbeit und Gesundheit im Kontext Sozialer Kohäsion, 3. Semester


[1] Vgl. Meisner, S. (2016): Anzahl und Statistik der Altenheime in Deutschland. Verfügbar unter: www.Pflegemarkt.com/2016/10/28/anzhal-und-statisk-der-altenheime-in-deutschhland/

[2] Vgl. Deutsches Bundesärzteblatt, Heft 46, 2005. S. 3176

[3] Vgl. Hentrich, W., Schwerdt, C. (2011): Heimarztmodell. Konzept zur Heimarztversorgung durch einen angestellten Arzt. Verfügbar unter: msd.de/fileadmin/user _upload/Heimarztmodell.pdf

[4] Vgl. ebd.

Wearables - Datenkraken oder Revolution des Gesundheitssystems?

Geschrieben von
Ina Ostermann

„Ich möchte einfach fitter werden.“ Dies ist wohl einer der häufigsten Neujahrsvorsätze der Bundesrepublik. Die Fitnessbranche und Gesundheitsindustrie boomt, immer neue Trends überspülen den bereits bunt ausstaffierten Markt. Wichtige Faktoren für diese Entwicklung sind der Drang nach Selbstdarstellung und Optimierung sowie das neu ausgeprägte Gesundheitsbewusstsein der Gesellschaft (vgl. Becker et al. 2017: 501).

Wearables oder Wearble Devices liegen im Zeichen der Zeit, sie sind klein und je nach Wunsch unauffällig oder modern ausgefallen, der technische Fortschritt, in Verbindung mit immer günstiger werdenden Displays, Sensoren und Computern sowie die weite Verbreitung von Smartphones machen diese Entwicklung möglich (vgl. ebd.). Wearables verbinden die Technik von Smartwatch, Sportuhr und Fitnesstracker zu einem Gerät (vgl. Urban 2018: 149). Es handelt sich dabei um kleinste Computer, die beispielsweise in Form von Schmuck, wie Armbändern oder Uhren direkt am Körper getragen werden (vgl. Becker et. al. 2017: 501). Marken wie Jawbone® sind durch eingängige Werbungen bekannt, in denen das Produkt als unbedingter Indikator für  vitale Leistungsfähigkeit dargestellt wird (vgl. Rode 2018: 132). Hierzu sind Wearables mit GPS Sendern und unterschiedlichsten Sensoren ausgestattet, zählen Schritte durch gemessene Distanzen und Bewegungssensoren (vgl. ebd.). Wenn diese Daten in Form der gelaufenen Gesamtkilometerzahl, der Anzahl der dazu gelaufenen Schritte und der dabei verbrannten Kalorien, am Abend auf dem Display erscheint, kann dies sehr motivierend auf die Nutzer_innen wirken (vgl. Becker et al. 2017: 509). Je nach Modell werden aber noch viele weitere gesundheitsrelevante Daten, wie beispielsweise Pulsfrequenz, Blutdruck, Muskelspannungen oder der Schlafrhythmus gemessen (vgl. Urban 2018: 150). Speziellere Geräte auf dem Gebiet der Kardiologie können sogar noch mehr, der Patient ist jetzt selbst in der Lage, das Monitoring von Ödemen zu übernehmen. Auch EKG-Anwendungen sind bereits möglich und decken so inzwischen auch medizinische Dienstleistungen ab (vgl. Kapitza 2015: 53). Damit bieten Wearables, eine bunte Palette an Möglichkeiten zur individuellen Gesundheitsförderung und Versorgung, dabei steht der gesamte Gesundheitssektor erst am Anfang der „digitalen Transformation“ (Bauer 2018: 3 f.). Untersuchungen belegen, dass das Selftracking innerhalb der nächsten Jahre zu einem Massenphänomen in den Industrienationen wird (vgl. ebd.: 4). Vorteile werden derzeit besonders bei dem erleichterten Informationsfluss zwischen Patienten, Krankenkassen, Arztpraxen und Krankenhäusern, gesehen (vgl. ebd.).

Was lange Utopie war, ist jetzt alltägliche Gewohnheit, ein Szenario wäre derzeit schon, dass ein Wearable immer an eine Medikamenteneinnahme erinnert. Der Nutzer/ die Nutzerin nimmt das Medikament ein und reagiert auf die Erinnerungsfunktion mit einer Bestätigung. Automatisch wird errechnet, dass das Medikament nur noch für fünf Tage vorrätig ist, deshalb wird über die zugehörige App (Application/Programm) eine Anfrage an die zuständige Arztpraxis gestellt oder ein Anruf per Push Mitteilung vorgeschlagen. Die Arztpraxis stellt daraufhin ein Rezept aus, das am Folgetag abgeholt werden kann, die Erinnerung zur Abholung erscheint am nächsten Tag nach Feierabend automatisch auf dem Display. (vgl. ebd.: 3). Denkbar ist auch, dass in Zukunft das Rezept digital verarbeitet wird und direkt über eine App an die Online-Apotheke des Vertrauens übermittelt wird, dabei müsste der Nutzer/ die Nutzerin nur noch per Button die Bestellung abschließen. Auch eine Digitale-Krankenakte wird so umsetzbar, Daten verschiedener Arztpraxen werden leichter vernetzt (vgl. ebd.: 4). Im Hinblick auf den Demografischen Wandel zunächst eine sehr vorteilhafte Entwicklung, denn diese automatisierten Vorgänge sparen viel Zeit und Personal, im Endeffekt also auch Kosten (vgl. ebd.). In diesem Beispiel wird jedoch auch die Gefahr der Weitergabe gesundheitsrelevanter Daten deutlich, denn in der Regel verbleiben die sensiblen Daten nicht auf dem Gerät selbst, sondern werden mittels Bluetooth an das Smartphone weitergeleitet und an den Server des Anbieters übermittelt oder direkt an Apps kommuniziert (vgl. Bauer 2018: 5). Transparenz darüber, wie diese Daten verarbeitet und an wen sie weitergeleitet werden, ist in den meisten Fällen nicht gegeben (vgl. Bauer 2018: 4).

Die Krankenkasse Gernerali hat unlängst auf den aktuellen Trend reagiert und ein besonderes Bonusprogramm entwickelt, in welchem die Teilnehmer_innen dazu aufgefordert werden, einen Tracker zu tragen und die erhobenen Daten an die Krankenkasse zu übermitteln. Diese versucht auf Grundlage des Datensatzes den Lebensstil der Person einzuschätzen und auszuwerten. Bei einem “guten Lebensstil“ werden Prämien ausgezahlt (vgl. Becker et al. 2017: 510). Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass ethische Bedenken angebracht sind, denn was passiert mit den Nutzerprofilen und den daraus erschlossenen Daten? Es ist zwar noch unklar, ob Krankenkassen langfristig die Datenauswertung der Wearables für sich nutzen, wenn dies jedoch geschieht, ist fraglich was mit den Nutzern und Nutzerinnen geschieht, bei denen ein “schlechten Lebensstil“ analysiert wurde. Werden diese womöglich eine Kündigung der Krankenkasse erhalten? Eine allzu naive Weitergabe dieser privaten Daten kann zudem weitreichende individuelle Folgen haben, schließlich gibt es auch Erkrankungen, die gesellschaftlich negativ stigmatisiert werden (vgl. Bauer 2018: 15). Somit stellt diese Entwicklung auch ein Risiko für die Soziale Kohäsion dar, Menschen die HIV positiv sind, werden schnell identifiziert und gesellschaftlich exkludiert oder diskriminiert (vgl. ebd.). Die durch zunehmende Digitalisierung ohnehin schon „gläsernen Menschen“ (Becker et al. 2018: 511), werden durch die ständige Überwachung der Vitalwerte und Weitergabe medizinischer Daten, auch gefährlich in ihrer Privatsphäre verletzt.


Literaturverzeichnis

Bauer, C. (2018): Der vernetzte Alltag und Daten. In: Bauer, C., Eickmeier, F., Eckard, M. (Hrsg.) E-Health: Datenschutz und Datensicherheit, Springer: Wiesbaden S. 3-19

Becker, K., Stemmer, Y. (2017): Sensorbasierte Gesundheitsservices für mehr Fitness im Alltag. In: Müller-Mielitz, S., Lux, T. (Hrsg.) E-Health-Ökonomie. Springer: Wiesbaden. S. 501-516

Kapitza, T. (2015): Megatrend eHealth Mobility. Stellenwert für den Kardiologen. In: Wien klin Mag 18. Springer: Wien. S. 52-57

Rode, D. (2018): Ein neues Spiel mit Körper und Technik – Self-Tracking vom Spiel aus betrachtet. In: M. Klemm und R. Staples (Hrsg.), Leib und Netz, Medienkulturen im digitalen Zeitalter. Springer: Wiesbaden. S. 129-147

Urban, M. (2018): Doing digital health. Zur Verschränkung von Leib und Netz in digitalen Gesundheitspraktiken. In: M. Klemm und R. Staples (Hrsg.), Leib und Netz, Medienkulturen im digitalen Zeitalter. Springer: Wiesbaden. S. 149-173

Gesundheitsförderung von Studierenden im Setting der Hochschule

Geschrieben von
Sophie Therese Schlüter

Seit der Bologna-Reform wird die Gesundheit bzw. der Gesundheitszustand von Studierenden genauer in den Blick genommen, da weitreichende Veränderungen auf diese zukamen (vgl. Kirsch et al. 2017:181). Es erhöhte sich sowohl der Leistungsdruck als auch der Erwartungsdruck, sodass viele angaben, unter Stress zu stehen bzw. erschöpft zu sein (vgl. ebd.). Ebenso sind sie speziellen Entwicklungsanforderungen ausgesetzt, die erfüllt bzw. bewältigt werden müssen (vgl. Hofmann et al. 2017: 395). Durch die neuen Anforderungen fühlen sich Studierende überfordert und der ausgelöste Stress hat auf Dauer einen negativen Einfluss auf ihre Gesundheit. Da aber für ein erfolgreiches Studium eine gelungene Work-Life-Balance von großer Bedeutung ist (vgl. Hofmann et al. 2017: 395), müssen die Belastungen reduziert werden bzw. ein gesundheitsfördernden Ausgleich gefunden werden (vgl. Göring/Möllenbeck 2010: 238).

Um den Studierenden ein möglichst gesundes Umfeld zum Lernen zu schaffen, können die Hochschulen an einigen Punkten ansetzen. So kann zuerst der Sport genannt werden, der von vielen zur Stressbewältigung genutzt wird (vgl. Kirsch et al. 2017: 186) und für die Gesundheitsförderung an Hochschulen eine bedeutende Ressource in Form des Hochschulsports darstellt (vgl. Göring/Möllenbeck 2010: 242). Hier sollten die Hochschulen ein Augenmerk auf Entspannungsangebote legen, die ebenfalls eine Möglichkeit der Stressbewältigung bieten (vgl. Kirsch et al. 2017: 186). Sie sollten aber auch Angebote schaffen, die die unterschiedlichen Studienabschnitte, wie Studienbeginn oder Prüfungsphasen berücksichtigt. Ebenso solltne für die Wahrnehmung und Ausübung des Hochschulsports bzw. der Entspannungsangebote ausreichende Freiräume für Studierende geschaffen werden, damit diese genutzt werden können (vgl. Göring/Möllenbeck 2010: 242).

Neben dem Hochschulsport können die Hochschulen auch begleitende Seminare anbieten, vor allem für Studienanfänger. Diese können Themen zum Zeitmanagement oder zur Stressbewältigung aber auch zu Entspannungsverfahren behandeln, sodass von Anfang an eine Unterstützung stattfindet (vgl. Kirsch et al. 2017: 187). 

Weiterhin haben die Hochschulen die Möglichkeit durch (psychotherapeutische) Beratungsstellen den Studierenden eine niedrigschwellige Anlaufstelle zu bieten, bei der versucht wird Probleme zu lösen und weiterführende Informationen zur Verfügung zu stellen (vgl. Hofmann et al 2017: 401). Dabei kann eine individuelle Beratung für einen Einzelnen stattfinden, es können aber auch Thematiken in Gruppen besprochen werden (vgl. ebd.).

Die Ausführungen machen deutlich, dass es für die Hochschulen wichtig ist, dass sie das Gesundheitsbewusstsein der Studierenden stärken, eine gesundheitsfördernde Lernumgebung schaffen und bei dem verbesserten Gesundheitsverhalten von Studierenden unterstützend mitwirken.

Literatur:

Göring, A.; Möllenbeck, D. (2010): Gesundheitspotenziale des Hochschulsports. In: Prävention und Gesundheitsförderung. 2010/5. 238-242.

Hofmann, F.; Sperth, M.; Holm-Hadulla, R. (2017): Psychische Belastungen und Probleme Studierender. In: Psychotherapeut. 2017/62. 395-402.

Kirsch, A.; Laemmert, P.; Tittlbach, S. (2017): Gesundheitliche Anforderungen und Ressourcen von Studierenden. In: Prävention und Gesundheitsförderung. 2017/12. 181-188.

Thees, S.; Gobel, J.; Jose, G.; Bohrhardt, R.; Esch, T. (2012): Die Gesundheit von Studierenden im Bologna-Prozess. In: Prävention und Gesundheitsförderung.2012/7. 196-202.

Schizophrenie – die verschriene Krankheit

Geschrieben von
Angelika Kästner

Schizophrenie – ein Begriff, der nahezu jedem bekannt ist, doch nur die Wenigsten wissen, was sich dahinter verbirgt. Die Schizophrenie ist eine seelische Erkrankung, von der etwa jeder hundertste Mensch betroffen ist. (vgl. Finzen 2014, S. 251) Für Außenstehende und Laien stellt sie oft ein Rätsel dar. Ein Rätsel, das insbesondere in gesellschaftlichen Kontexten behaftet ist mit zahlreichen Vorurteilen, Stigmatisierungen, Angst, Faszination, Halbwissen und Unverständnis:

 „Schizophrenie als Metapher wird ausschließlich abwertend gebraucht. Sie nährt Vorstellungen von Unberechenbarkeit und Gewalttätigkeit, von unverständlichem, bizarrem oder widersinnigem Verhalten und Denken. Ob Teenager etwas ‚schizo’ finden oder ob politisch Tätige das Handeln des Gegners als ‚schizophren’ brandmarken, macht da keinen Unterschied […] Die Schizophrenie ist eine unverstandene psychische Störung. Schizophrenie steht für Leiden, das Angst macht. Sie ist zudem die schillerndste aller psychischen Störungen. Schizophrenie ist gleichwohl – entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil – eine zwar ernste, aber gut behandelbare Krankheit“ (ebd., S. 25, 27f.)

Im Alltagsgebrauch findet der Begriff Schizophrenie verstärkt Anwendung, wenn das Verhalten eines Menschen widersprüchlich erscheint (vgl. ebd. S. 27). So wird sie nicht selten verwechselt mit der dissoziativen Identitätsstörung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Persönlichkeit des Betroffen sich aufgrund traumatischer Erfahrungen und Verdrängungsmechanismen in unterschiedliche Rollen spaltet (vgl. Schlier & Lincoln 2014, S. 2972). Auch wird der Begriff Psychose oft gleichgesetzt mit der Schizophrenie (Clausen & Eichenbrenner 2010, S. 1883). Die Schizophrenie wird den Psychosen bzw. psychotischen Störungsbildern zugeordnet (vgl. Dümmler & Sennekamp 2013, S. 104). Auch die Manie, die bipolare Störung (manische Depressionen), Demenzen, schwere Depressionen und Delirien, die durch halluzinatorisches Erleben begleitet werden, gehören zu den Psychosen. Nicht selten spielt der Missbrauch von Drogen und Alkohol eine Rolle. Bei psychotischen Störungsbildern ist im Kern das Denken, Fühlen, Wollen, die Selbst- und die Fremdwahrnehmung beeinträchtigt. (vgl. Bäuml 2008, S. 2, 75; Clausen & Eichenbrenner 2010, S. 189f.)

Der Begriff Schizophrenie setzt sich zusammen aus den beiden griechischen Worteilen schizo (= Spaltung, abgespalten) und phren (= Seele). Übersetzt lässt sich unter dem Begriff eine „Spaltung der Seele“ (Bäuml 2008, S. 2) verstehen. Fakt ist, dass es sich hierbei nicht um eine Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten handelt, sondern um eine „Abspaltung der psychischen Funktionen“ (Clausen & Eichenbrenner 2010, S. 188). So ist die Erkrankung in erster Linie gekennzeichnet durch einen Realitätsverlust, eine Veränderung der allgemeinen Wahrnehmung und Verhaltensweisen. Der Betroffene lebt in einer eigenen Erfahrungswelt und nimmt Reizeinflüsse wahr, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind. (vgl. Bandelow et al. 2013, S. 526; Clausen & Eichenbrenner 2010, S. 190) Bäuml spricht in diesem Zusammenhang von einer Spaltung der Wahrnehmung in die allgemeine und die private Wirklichkeit (vgl. Bäuml 2008, S. 2). Neben den Trugwahrnehmungen und Sinnestäuschungen, die durch eine nachweisliche Fehlstörung des Neurotransmittersystems im menschlichen Gehirn ausgelöst werden, wird die Schizophrenie, je nach Krankheitsphase, unter anderem begleitet durch affektive Störungen, sozialen Rückzug, Denkstörungen, Interessensverlust, sprachliche Verarmung, psychomotorische Störungen und einer Antriebslosigkeit. (vgl. ebd., S. 15; Finzen 2014, S. 77ff.; Tölle & Windgassen 2014, S. 189ff.)

Neben einer klinischen, medizinisch-therapeutischen Behandlung, ist heute die Soziale Arbeit nicht mehr weg zu denken. Sozialpsychiatrische Maßnahmen wie z. B. ambulant betreute Wohnformen spielen eine unweigerlich wesentliche Rolle, um Begleiterscheinungen wie soziale Isolationen (die häufig die Folge von Stigmatisierungsprozessen ist) und Einschränkungen in der alltäglichen Lebensführung auszugleichen. (vgl. Clausen & Eichenbrenner 2010, S. 75; Dümmler & Sennekamp 2013, S. 15f.; Finzen 2014, S. 157)


1 Finzen, Asmus (2014): Schizophrenie – Die Krankheit verstehen, behandeln, bewältigen. 2. Auflage. Psychiatrie Verlag. Köln

2 Schlier, Björn & Lincoln, Tania M. (2014): „Bluttaten“ und „schizophrene Politik“ – Stigmatisierung von Schizophrenie in 4 großen deutschen Printmedien aus dem Jahr 2011. In: Psychotherapeut 4. Springerverlag. Berlin/Heidelberg

3 Clausen, Jens & Eichenbrenner, Ilse (2010): Soziale Psychiatrie – Grundlagen, Zielgruppen, Hilfeformen. Kohlhammerverlag. Stuttgart

4 Dümmler, Wiltrud & Sennekamp, Winfried (2013): Recovery im psychiatrischen Wohnheim – Chancen und Grenzen des Konzepts bei Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung. Centaurus Verlag & Media UG. Freiburg

5 Bäuml, Josef (2008): Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. 2. Auflage. Springerverlag. Heidelberg

6 Bandelau, Borwi; Falkai, Peter & Gruber, Oliver (2012): Kurzlehrbuch Psychiatrie. 2. Auflage. Springerverlag. Göttingen

Arbeiten bis die Seele brennt - Was hat es mit dem Burnout auf sich?

Geschrieben von
Imke Dörnath

Burnout heißt ins Deutsche übersetzt ausbrennen und bedeutet ‚leer werden‘. „Die eigenen körperlichen und seelischen Reserven erschöpfen“ (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. 2014: 25). Geprägt wurde der Begriff in den 1970er Jahren durch den deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker H. Freudenberger, der in einer Forschung Krankheitssymptome mit dem Begriff Burnout verknüpft hat. (Sisolefsky et al. 2017: 6) Heute gibt es kaum einen Menschen, der nicht etwas mit diesem Wort verbindet. Burnout wird in Zusammenhang mit den wandelnden Lebensbedingungen und beruflichen Beanspruchungen gebracht (vgl. Berger 2013: 789). Menschen müssen mehr denn je die Strukturierung und Organisierung des Lebens selbst in die Hand nehmen. Der Konkurrenz-, Leistungs- und Erfolgsdruck steigt (Brühlmann 2015: 14). Der ‚Markt der Möglichkeiten‘ wächst stetig, vor allem bei der Flexibilisierung der Arbeitswelt. Moderne Arbeitsbedingungen, wie der Zugriff auf betriebliche Surver rund um die Uhr von zu Hause aus, die Informationsweitergabe durch das Verschicken von E-Mails und die vielen Funktionen des Smartphones, stellen hohe Anforderungen an das Selbstmanagement der Menschen. Für die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit sind die modernen Arbeitsbedingungen also Segen und Fluch zugleich. Sie eröffnen große Chancen für ein selbstbestimmtes Arbeiten, stellen parallel dazu aber eine Gefahr für Überarbeitung, Selbstausbeutung und somit die eigene Gesundheit dar. Die Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit fällt durch ‚home office‘ schwerer und verleitet zu überlangen Arbeitszeiten (Gündel et al. 2014: 154). Überlange Arbeitszeiten und der enge Zeitplan während der Arbeitszeit werden in Kauf genommen, weil die Mehrheit unserer Gesellschaft ein gelungenes Leben über die berufliche Anerkennung gepaart mit der finanziellen Situation definiert. Das kann sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken. Doch nicht alle Menschen erleben per se eine psychische Erschöpfung durch den Wandel der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Was für die eine Person als entkräftend wahrgenommen wird, kann für eine andere Person noch völlig in Ordnung sein. Psychische Belastungen, die Burnout hervorrufen, lassen sich nicht objektivieren (Hofmann 2015: 17). Es ist eine Kombination aus persönlichen Einstellungen, aktuellen Lebensbedingungen und Arbeitsbedingungen, die zu Burnout führen kann (Gündel et al. 2014: 140). Personen, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen, beruflich viel erreichen möchten und bereit sind dafür an ihre persönlichen Grenzen zu stoßen, sind sehr empfänglich für Burnout. Häufig schaffen sie es ab einem gewissen Punkt nicht mehr auf ihren Körper zu hören um sich abzugrenzen. Das führt dann zu einer langanhaltenden Überforderung und löst hohen Stress aus (Gündel et al. 2014: 140). Die Kernsymptome vom Burnout-Prozess lassen sich in drei Phasen einteilen. Anfänglich sind die Erwartungen an das eigene Arbeitspensum so hoch, dass sie kaum realisierbar sind. Gefühle des Ausgelaugt sein treten ein. Darauf folgt in der zweiten Phase das gesteigerte Bemühen, die Ziele mit vollstem Einsatz doch irgendwie zu erreichen, um nicht zu scheitern. Das kostet sehr viel Kraft und führt zum sozialen Rückzug und damit zur Vermeidung sozialer Kontakte. Letztlich wird der Person bewusst, dass die Ziele trotz vollem Einsatz der eigenen Kräfte nicht zu erreichen sind. Das ist frustrierend und löst Empfindungen der Erfolgs- und Machtlosigkeit aus. Der anfangs noch überausgeprägte Tatendrang entwickelt sich durch die eben beschriebenen Erfahrungen zur Gleichgültigkeit. (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. 2014: 27). Die psychische Erschöpfung ist so hoch, dass die alltägliche Arbeit nicht mehr erfolgreich bewältigt werden kann und die Leistungsfähigkeit immer weiter sinkt (Sisolefsky et al. 2017: 7). Damit ist auch häufig der Verlust des Lebenssinns verbunden. Betroffene Personen merken meist erst sehr spät, dass sie sich mit ihrer Arbeitsmotivation und ihrem überhöhten Ehrgeiz überfordern (Gündel et al. 2014: 136).

Burnout ist also ein sich langsam entwickelnder Prozess. Es ist aber keine eigenständige Krankheit (Hofmann 2015: 13). Die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ hat Burnout als „Risikozustand für psychische und somatische Erkrankungen durch Arbeitsüberlastung“ festgelegt (Berger 2013: 789). Das ist aber keine allgemeingültige Definition. Wie eingangs beschrieben, wird Burnout sehr subjektiv empfunden und muss immer individuell betrachtet werden. Burnout kann den Gesundheitszustand beeinflussen und das Entstehen und Aufrechterhalten von Krankheiten fördern (Hofmann 2015: 10).

Um gesund und leistungsfähig zu bleiben lohnt es sich auf die Grenzen des eigenen Körpers zu hören, auch mal nein zu sagen und sich regelmäßige Pausen zu gönnen.  

Literatur:

Berger, M (2013): Burnout. In: Nervenarzt, Volume 84, S. 789-790, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag

Brühlmann, T. (2015): Burnout – Stressverarbeitungsstörung und Lebenssinnkrise. In: Göbel, H./Sabatowski, R. (Hrsg.): Weiterbildung Schmerzmedizin. CME-Beiträge aus: Der Schmerz 2013-2014, S. 11-22, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag

Gündel, H./Gläser, J./Angerer, P. (2014): Arbeiten und gesund bleiben. K.O. durch den Job oder fit im Beruf, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag

Hofmann, E. (2015): Wo brennt es beim Burnout? Eine passungspräventive Sichtweise zur Analyse und Vermeidung von Burnout, Wiesbaden: Springer Fachmedien

Sisolefsky, F./Rana, M./Herzberg, P.Y. (2017): Persönlichkeit, Burnout und Work Engagement. Eine Einführung für Psychotherapeuten und Angehörige gefährdeter Berufsgruppen, Wiesbaden: Springer Fachmedien

Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. (Hrsg.) (2014): Psychische Belastungen und Burnout beim Bildungspersonal. Empfehlungen zur Kompetenz- und Organisationsentwicklung, Münster: Waxmann Verlag GmbH

Einsame Internetjugend?

Geschrieben von
Sandra Wagner

Jugend wird in der Gesellschaft gerne mit Vitalität, Gedeihen, Aktivität, Attraktivität und Geselligkeit assoziiert. Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis der Studie „Wie einsam ist Deutschland?“, wonach sich 20 % der 16-30-Jährigen stark einsam fühlen (Wahlverwandtschaften/Harris Interactive 2015: o. S.). Unter Einsamkeit wird „das negative individuelle Erleben unzureichender Sozialkontakte“ verstanden (Lauth/Viebahn 1987: 11). Einsamkeit in Zeiten, wo Internet beziehungsweise Social Media eine Selbstverständlichkeit darstellen? Oder macht gerade die Onlinewelt einsam? Kritischen Stimmen zufolge gleicht das Internet einem Virus, der sich negativ auf die Intelligenz und das Sozialverhalten von (nicht nur) jungen Menschen auswirkt. Aber: „Die populärwissenschaftlichen Mythen stimmen in vielen Fällen nicht mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand überein.“ (Appel 2016: 62). In einem Interview weist Appel vom Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik an der Universität Koblenz-Landau auf eine Metaanalyse von Huang (2010) hin, die zeigt, dass „im Durschnitt kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Internetnutzung und Einsamkeit“ besteht (ebd.: 63). Im Gegenteil: Wenn Personen sich bereits im realen Leben kennen und dort ebenfalls begegnen oder zuvor begegnet sind, können E-Mails, Chats etc. dazu beitragen, den Kontakt zu vertiefen oder zu erhalten (vgl. ebd.). Beispiele hierfür sind der alte Schulfreund, der in eine andere Stadt verzogen ist, oder die Cousine, die nach Australien ausgewandert ist. Heutzutage bedeutet das nicht mehr automatisch das Aus der Verbindung, sondern stellen Vernetzungen Alternativen dar, um buchstäbliche Entfernungen – und damit auch mögliche Einsamkeitsgefühle – zu verhindern. Anders verhält es sich, wenn Jugendliche sich in Foren als stille Mitleser*innen, sprich passiv, verhalten und/oder sich bereits einsam fühlen. Das Eintauchen in die Welt der aktiven Social Media-Nutzer*innen kann dann das eigene Einsamkeitsgefühl wecken oder verstärken, denn „im Vergleich zu anderen nimmt man sich selbst als weniger integriert wahr (zu wenige Freunde, zu wenige intensiv gelebte Freundschaften)“ (Appel 2016: 64). Ursache hierfür ist dann nicht das Internet, sondern eine eingeschränkte Integrationsfähigkeit oder -möglichkeit. Das Internet pauschal als Wegweiser in die Isolation zu verurteilen, ohne gleichzeitig einen Blick auf das Nutzungs- und Nutzerverhalten sowie die Lebensumstände der Nutzer*innen zu werfen, wäre daher irrig.

Literatur:

Appel, M. (2016): „Immer online, immer allein?“- Zu den Auswirkungen des digitalen Wandels. In: Lenhard, W. (Hrsg.): Psychische Störungen bei Jugendlichen. Ausgewählte Phänomene und Determinanten. Berlin und Heidelberg, S. 57-65

Lauth G./Viebahn, P. (1987): Soziale Isolierung. Ursachen und Interventionsmöglichkeiten. München und Weinheim

Wahlverwandtschaften/Interactive Harris (2014): Einsamkeit & Gemeinsamkeit in Deutschland. Eine Studie von Harris Interactive und Wahlverwandtschaften e. V. Online verfügbar unter: www.wahlverwandtschaften.org/images/dateien/downloads/Einsamkeit_in_Deutschland_2015-04-01final.pdf [09.12.17]