Erfahrungskurvenkonzept

1. Definition

Die Erfahrungskurve ist ein Instrument der strategischen Planung und Kontrolle, sie stellt den Zusammenhang zwischen Output-Menge und den Produktionskosten dar. Das Konzept zeigt auf, dass die Kosten eines Produktes mit steigender Ausbringungsmenge sinken. Präziser gesagt führt eine Erhöhung der kumulierten Ausbringungsmenge zu einen Sinken der realen also inflationsbereinigten Stückkosten.1 Mit jeder Verdopplung der kumulierten Ausbringungsmenge gehen die auf die Wertschöpfung bezogenen zahlungswirksamen Stückkosten eines Produktes um einen Prozentsatz zwischen 20 und 30 Prozent zurück. Je nach Branche variieren die Prozentsätze.2 Die Kostenvorteile und somit auch Wettbewerbsvorteile stellen sich allerdings nicht automatisch ein, sondern müssen durch gezielte Maßnahmen erreicht werden.3 Es folgt eine grafische Darstellung der Erfahrungskurve:

Abb. 1: Erfahrungskurve4

2. Entwicklung des Erfahrungskurvenkonzeptes

Der Grundgedanke der Erfahrungskurve ist eine Weiterentwicklung des Lernkurveneffektes. Die Lernkurve sagt aus, dass der Mensch eine Tätigkeit bzw. einen Fertigungsvorgang mit zunehmender Häufigkeit besser und schneller beherrscht. Hierdurch können bei einer Verdopplung der kumulierten Ausbringungsmenge Fertigungszeitverkürzungen von 10 bis 20 Prozent erreicht werden.5

Die Lernkurve stellt die Grundlage für die Erfahrungskurve dar. Da sich das Lernkurvenkonzept nur auf die Verringerung eines Teils der variablen Stückkosten pro Stück bezieht, ergänzt das Erfahrungskurvenkonzept diesen Aspekt um sämtliche Kostenelemente eines Produktes oder einer Geschäftseinheit. Die Kostenelemente müssen allerdings zurechenbar und aufwandswirksam sein, dies wären zum Bespiel F & E-Kosten, Distributions-, Marketing- oder Vertriebskosten.6

Den Ursprung dieser Weiterentwicklung stellen die Beobachtungen im Flugzeugbau bei der Wright-Patterson Air Force Base im Jahre 1925 dar. Es wurde erkannt, dass beim Wiederholen der Fertigungsvorgänge Lerneffekte einsetzten, die Montagezeit der Flugzeuge wurde immer kürzer. Ähnliche Effekte wurden auch in anderen Branchen festgestellt. Erst ca. 40 Jahre später griff die Boston Consulting Group diese Entdeckung wieder auf und übertrug diese auf die Vollkostenentwicklungen. Aus den Ergebnissen der empirischen Untersuchung konnte eine negative Beziehung zwischen den Stückkosten und der kumulierten Gesamtproduktion nachgewiesen werden.7

3. Ursachen für das Auftreten des Erfahrungskurvenkonzeptes

Für die Unternehmen stellt es einen wichtigen Punkt dar, die Ursachen für den Erfahrungskurveneffekt zu identifizieren und zu beeinflussen um das Kostensenkungspotential nutzen zu können. Die Erfahrungskurve besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Komponenten, sie lassen sich in statische und dynamische Effekte unterteilen.8

Abb. 2: Erfahrungseffekte9

Die dynamischen Skaleneffekte ergeben sich durch Lerneffekte (Produktionssteigerung), technologischen Fortschritt (kostengünstigere Fertigungsverfahren) und kontinuierliche Rationalisierung (Effizienzsteigerung). Die dynamischen Effekte treten nicht automatisch auf sondern müssen vom Management angestoßen werden.10

Unter den statischen Effekten wird zum einen die Fixkostendegression verstanden, bei welcher sich die Fixkosten auf eine größere Ausbringungsmenge verteilen. Somit vergrößert sich die ausgebrachte Menge im Zeitverlauf stärker als die dafür eingesetzten Mittel. Zum anderen wird bei den statischen Effekten die Betriebsgrößendegression berücksichtigt, durch die sich Verbundeffekte, Mengenrabatte und Produktionsrationalisierungen (z.B. Massenfertigung, Spezialisierung) ergeben.11 12

4. Formel

Die Formel der Erfahrungskurve setzt sich wie folgt zusammen, weitere Angaben und Beispiele befinden sich im Template zum Thema Erfahrungskurve:

kt = Preis für eine Einheit zum Zeitpunkt t

k1 = Preis der ersten produzierten Einheit

Xt = kumulierte Produktionsmenge zum Zeitpunkt t

b = Erfahrungsfaktor

5. Bedeutung und kritische Beurteilung der Erfahrungskurve

Die Erfahrungskurve ist ein Konzept des strategischen Controlling. Durch gezielte Maßnahmen wird es dem Management ermöglicht Kostensenkungspotentiale zu ermitteln und zu steuern. Darüber hinaus sind durch die Erfahrungskurve Marktpositionen ableitbar.14 Bei der Anwendung des Konzeptes sollte einem aber immer bewusst sein, dass es sich nicht um einen mathematisch exakte Abbildung oder Prognose der Kostenentwicklung handelt sondern um ein Aufzeigen der Kostensenkungspotentiale.15

Bei der Anwendung des Erfahrungskurvenkonzepts sind auch die Schwachstellen des Konzeptes zu berücksichtigen. So sind die anfallenden Kosten oft schwer zu erfassen und zuzurechnen, dies macht die Durchführung der Rechnung schwierig und fehleranfällig. Das Erfahrungskurvenkonzept geht von homogenen standardisierten Gütern aus, diese Grundvoraussetzung ist aber nicht in allen Branchen gegeben, besonders im Dienstleitungssektor führt dies zu Problemen. Darüber hinaus sind die Produkte nicht statisch sondern verbessern und verändern sich im Zeitverlauf besonders durch die Veränderung der Technologien. Im schlechtesten Fall kann es dazu kommen, dass es zu einer übertriebenen Konzentration auf die Effizienzsteigerung kommt und somit eventuelle Produkt- oder Marktanforderungen aus den Augen verloren werden. Es kommt unter Umständen zu einem Aufbau von zu großen Kapazitäten, die zu Inflexibilität führen können.16 17

Es sollten nicht alle strategischen Entscheidungen an der Erfahrungskurve ausgerichtet werden. Sie sollte vielmehr als Entscheidungshilfe angesehen werden.18

Fußnoten

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

  • Weber, J.;Schäffer, U.: Einführung in das Controlling, 11. Auflage, Stuttgart, 2006
  • Schulte, G.: Material- und Logistikmanagement, 2. Auflage, München, 2001
  • Jung, H.: Controlling, 2. Auflage, München, 2007
  • Heinen E.: Betriebswirtschaftliche Führungslehre, 2. Auflage, Wiesbaden, 1992
  • Laarmann, A.: Lerneffekte in der Produktion, Bochum, 2005
  • Camphausen, B.: Strategisches Management: Planung, Entscheidung, Controlling, München, 2007
  • Hieber, W., L.: Lern und Erfahrungskurveneffekt, München, 1991

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Verfasser: Constanze Conradi