Bericht über die diesjährige Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie

Bericht über die diesjährige Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie

Sylke Bartmann/Birgit Griese

Am 30. November und 01. Dezember 2012 fand die Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie an der Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, statt. Das Thema der Veranstaltung ‒ Widerstand und Teilhabe ‒ stieß schon in der Vorbereitung auf reges Interesse und führte letztlich zu einem Angebot von neun Arbeitsgruppen, deren Besuch der Wahl der etwa 65 Tagungsteilnehmer_innen oblag. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch herzliche Grußworte des Präsidenten der Hochschule, Professor Dr. Gerhard Kreutz, der auch für einen Einblick in die regionale Verortung der Tagung sorgte, sowie der Dekanin des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit, Prof. Dr. Ruth Haas, die u.a. die Bedeutung rekonstruktiver Forschung für die Soziale Arbeit hervorhob.

Die Gesamtveranstaltung wurde des Weiteren durch einen Vortrag von Prof. Dr. Andreas Hanses (TU Dresden) zum Thema Widerstand als Aneignungspraxis des Subjekts und einen Beitrag von Prof. Dr. Eric Mührel (Hochschule Emden/Leer) zur Sakralisierung der Anderen (unter Bezugnahme auf die Arbeiten von Joas und Lévinas) gerahmt. Beiden Referenten ist es trefflich gelungen, das Thema der Tagung zu spiegeln und den Zuhör_innen Nachdenkliches mit auf den Weg zu geben. Einerseits ging es um eigenwillige Strategien des Umgangs mit Diagnosen (Brustkrebs) oder institutionellen Settings vor der Folie empirischer Daten und deren Systematisierung (Hanses) ‒ mit den Worten einer Teilnehmerin ausgedrückt: „Man muss erst einmal diesen anderen Blick auf Widerstand bekommen“ ‒, anderseits um die Heiligsprechung des Individuums im geschichtlichen Verlauf und dessen Ausprägungen in der Gegenwart. In Anlehnung an Durkheim (re-)formuliert:

„In der Tat ist es eines der Hauptaxiome (man könnte sogar sagen, das Hauptaxiom), daß die menschliche Person heilig ist. Sie hat Recht auf den Respekt, den der Gläubige aller Religionen seinem Gott vorbehält. Dank dieser Prinzipien scheint uns jeder Übergriff auf unser Innerstes als unmoralisch, weil es eine Vergewaltigung unserer persönlichen Autonomie ist.“ (2008: 48)

Nicht nur die Entwicklung im geschichtlichen Gang, sondern auch damit verbundene Herausforderungen, den anderen (an-)zu-erkennen, wurden erörtert. Neben den philosophischen Figuren, die für Aufklärung im besten Sinne sorgten, dienten insbesondere die Themenfelder Teilhabe und Sprachpolitik für Anschaulichkeit und reflexive Inblicknahmen sozialarbeiterischer Praxis. Das Netzwerktreffen fand am Abend des 30.11. statt. Der Sprecher_innenkreis informierte über die Veranstaltungsorte künftiger Jahrestagungen/Methodenworkshops und stellte geplante Initiativen zur Diskussion, Interessierte und Mitglieder steuerten Beiträge zur Netzwerkentwicklung bei. Im Rahmen des schon klassisch zu nennenden gemeinsamen Abendessens am Abend des 1. Veranstaltungstages, das von der Mehrheit der Teilnehmer_innen frequentiert wurde, fand u.a. das statt, was ein Netzwerk auszeichnet ‒ ein erstes (informelles) Sich-Kennen-Lernen, Austausch, Kooperation, Begegnung ... Der musikalisch-künstlerische Ausklang der Tagung, der von TATUNTAT begleitet wurde, erlaubte eine Evaluation der besonderen Art: Impressionen, Kritik und Würdigung durch die Teilnehmer_innen wurden via Cello und Synthesizer angeregt/interpretiert.

Last but not least: Eine Tagung lebt von den Akteur_innen ‒ die Themenpallette in den Arbeitsgruppen, in denen Forschungsprojekte, Untersuchungsergebnisse, empirisches Material, methodologische oder methodische Fragen sowie Fragen des Anwendungsbezugs (Stichwort: Technologiefähigkeit, mit Schwerpunkt sei auf die Arbeitsgruppe Leidenberger u.a.) diskutiert wurden, reichte von Stigmatisierung von Staatsfeind_innen (Schiebel), der Orientierungen Professioneller auf den/die Adressat_innen in Teamsitzungen (Henn) über Abschiebungshaft (Janotta), Gewaltprävention in der Schule (Aghamiri), Widerstand und Teilhabe aus Sicht von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Franz), von Ausbildungsabbrüchen Jugendlicher in Ostfriesland (Handelmann/Proft-Janßen) bis hin zu Partizipation und Widerstand in der Jugendhilfe (Graßhoff u.a.). Diese stellvertretende Aufzählung wird den aktiven Beiträgen nicht gerecht ‒ so ist allen Referent_innen, den Kolleg_innen des Fachbereichs und den Aktiven im Netzwerk Dank für die Moderation in den Arbeitsgruppen auszusprechen. Auch den freiwilligen (Meißner) und studentischen Unterstützer_innen (Gerdes, Kittel, Kunz, Proft-Janssen, Mitglieder des Servicebüros des Fachbereichs), den Hausmeistern und anderen engagierten Involvierten der Hochschule Emden/Leer (von der Öffentlichkeitsarbeit bis hin zum Sicherheitsdienst) ist zu danken. Der Dank für eine gelungene Inszenierung gilt den Aktiven im weitesten Sinne ‒ um es mit Goffman (2008) auszudrücken: vor allem auch den Personen, die auf der „Hinterbühne“ agieren, die bisweilen zur „Vorderbühne“ avanciert. Für Lebendigkeit während einer Tagung sorgen aber nicht zuletzt die Besucher_innen, die durch interessierte Nachfragen, Diskussionsbeiträge, Kontaktaufnahmen, kurz: durch eine wie auch immer geartete Form der Teilnahme an den zwei Tagen für ein Zustandekommen sorgten …

Natürlich ist abschließend die Frage zu stellen, ob ein Bericht seitens der Veranstalterinnen „objektiv“ sein kann. Selbstredend nicht und Danksagungen machen die Angelegenheit nur verdächtiger … Doch einerlei: Es war eine gelungene Veranstaltung mit regem Austausch, eine Tagung, auf der Fragen des sozialen Ein- und Ausschlusses, Widerständigkeiten, biographische oder andere eigenwillige Lösungsstrategien sowie Aspekte der Konstruktion des Selbst/des anderen verhandelt wurden … mit besonderem Blick auf die Soziale Arbeit.

 

Emden, den 02.02.2013

Sylke Bartmann/Birgit Griese

 

Literatur

 

Durkheim, Émile (2008):                   Erziehung und Gesellschaft. In: Baumgart, Franzjörg (Hrsg.): Theorien der Sozialisation. Bad Heilbrunn, S. 44–57

Goffman, Erving (2008):                    Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München/Zürich