Glücksspielsuchtprävention

Projektskizze

Bedeutung der Selbstkontrolle für die Reduzierung des eigenen Glücksspielverhaltens– Untersuchung am Beispiel des Manuals „In einer Spirale nach oben“ - der Einstieg in den Ausstieg aus problematischem Glücksspielverhalten

Ausgangslage

Problematische Formen des Glücksspiels finden in Deutschland aufgrund der Zahlen Betroffener zunehmend Beachtung. Dies verdeutlichen die aktuellen Zahlen des deutschen Glücksspielmarktes (Meyer 2014) ebenso wie epidemiologische Studien (BZgA 2010, 2012, 2014). In der 12-Monats-Prävalenz zeigt sich, dass mit 40,2% ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung an Glücksspielen teilnimmt (BZgA 2014). Die Lebenszeitprävalenz wird bei 1,4% der deutschen Bevölkerung als problematisches und bei 1,0% als pathologisches Spielverhalten klassifiziert (ebd.). Hinzu kommt eine zu vermutende Dunkelziffer wie auch ein hoher Anteil so genannter riskanter Spieler (Hayer 2012). In den ambulanten und stationären Suchthilfeeinrichtungen ist in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg der Beratungs- und Behandlungszahlen bei süchtigen Spieler*innen zu verzeichnen (Meyer 2014). Bundesweit haben bei einem Anstieg von 16,2% ca. 19.500 Glücksspieler*innen ambulante Hilfen in Anspruch genommen und stationär liegt der Anteil der Einzel- und Hauptdiagnosen der Glücksspielsucht bei 5,5% (ebd.) In den letzten zehn Jahren hat sich die Nachfrage nach Hilfen fast vervierfacht (ebd.). Die bundesweiten Zahlen werden für Niedersachsen umgerechnet und ergeben folgendes Bild: 35.000 Menschen mit problematischem Glücksspielverhalten und weitere 42.000 Menschen, die eine Glücksspielsucht aufweisen, bezogen auf die 12-Monatsprävalenz (Kuhnt 2014). Insgesamt leben in Niedersachsen knapp 76.000 Menschen mit glücksspielsuchtbezogenen Problemen (ebd.). Speziell in Niedersachsen wurden im Zusammenhang der in diesem Bundesland implementierten 24 Glücksspielsuchtpräventionsfachkräfte in den Fachstellen für Sucht und Suchtprävention im aktuellen Jahresbericht der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen (NLS) 1.359 Personen erfasst, die im Jahr 2013 Beratung nachgefragt haben (ebd.). Seit 2008 hat die Zahl der Beratungen um über 220% zugenommen (ebd.). Glücksspiel verursacht eine Vielzahl an gesellschaftlichen und individuellen Problemen, denen mit adäquaten Hilfeangeboten in Prävention, Beratung und Therapie begegnet werden sollte. Die Wirksamkeit der Hilfen nachzuweisen darf als aktuelle gesellschaftliche wie auch fachliche Herausforderung verstanden werden. Die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Menschen mit einem problematischem Glücksspielverhalten und derjenigen, die Beratungen aufsuchen, zeigt, dass die bestehenden Hilfeangebote viele Betroffene nicht erreichen (Petry 2013). Angebote bei denen es um die Selbstkontrolle und ein durch die Klient*innen selbst zu bestimmendes Beratungsziel zwischen kontrolliertem Konsum und Abstinenz geht, sind ein niedrigschwelliger Ansatz mit dem Ziel weitere Betroffene zu erreichen, die sich durch die bestehenden Hilfeangebote nicht angesprochen fühlen, bzw. deren Hemmschwellen als zu hoch empfinden (Bucher 2011).

Eckdaten zur Studie

Vor diesem Hintergrund fördert das Land Niedersachsen - Ministerium für Inneres und Sport – die Studie Bedeutung der Selbstkontrolle für die Reduzierung des eigenen Glücksspielverhaltens– Untersuchung am Beispiel des Manuals „In einer Spirale nach oben“ - der Einstieg in den Ausstieg aus problematischem Glücksspielverhalten. Die Eckdaten der Studie werden nachfolgend als Überblick skizziert.

1. Forschungsfeld

1.1 Ziele

Unter Berücksichtigung der allgemeinen Forschungslage zur Glücks­spiel­sucht und im Speziellen im Kontext von Fragen der Motivation und Veränderungs­bereitschaft zur Reduzierung des eigenen Glücksspielverhaltens, des Zugangs zur (Sucht-)Hilfe sowie der Effekte von Selbst­kontroll­trainings, ist es das Ziel der Studie zu diesen grundlegenden Themen neue Erkenntnisse zu erarbeiten. Diese sollen insbesondere der Weiterentwicklung und Optimierung der Glücksspielsuchtprävention dienen.

1.2 Forschungsfragen

Forschungsfragen:

  1. Wie lässt sich die Motivation von Glücksspieler*innen fördern das eigene Glücksspielverhalten zu reflektieren, zu kontrollieren und ggf. zu reduzieren?
  2. Wie können Hemmnisse und Barrieren beim Zugang zur (Sucht-)Hilfe speziell für Glücksspieler*innen abgebaut werden?
  3. Welche Zielgruppen und welche Effekte können mit einem Selbstkontrolltraining für Glücksspieler*innen erreicht werden?

    Operationalisierte Fragen:
  4. Welche Verbreitung, Akzeptanz und Wirkung hat das Manual „In einer Spirale nach oben“ in der Prävention und Beratung von Glücksspielsucht in der Suchthilfe in Niedersachsen?
  5. Wie effektiv ist der Ansatz der Selbstkontrolle durch Training, insbesondere mit der „Spirale nach oben“ bei der Zielgruppe der Menschen mit Problemen im Glücksspielverhalten (riskantes, problematisches, pathologisches Glücksspiel)?
  6. Für welche Zielgruppen zwischen kontrolliertem Spielen und Abstinenz ist das Selbstkontrolltraining geeignet?
  7. Welche neuen Settings und Zielgruppen lassen sich auf der Basis der Glücksspielsuchtpräventionsarbeit erkennen und erschließen?

1.3 Forschungsteam

Hochschule Emden/ Leer
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit

Leitung: Prof. Dr. Knut Tielking
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Tim Berthold
Constantiaplatz 4, 26723 Emden

Tel: (04921) 807-1246/ 1143
tim.berthold|at|hs-emden-leer.de
knut.tielking|at|hs-emden-leer.de
http://www.hs-emden-leer.de

1.4 Laufzeit

 01.10.2015 – 30.09.2018

1.5 Ablaufplanung

Das Projekt ist zunächst für 3 Jahre bewilligt und operationalisiert.

2. Methodik

2.1 Methoden

Vor dem Hintergrund der leitenden Ziele und Fragestellungen sollen im Sinne eines Mixed-Methods-Designs (Döring/ Bortz 2015) quantitative und qualitative Methoden zum Einsatz kommen. Dazu werden unterschiedliche Erhebungs- und Auswertungsmethoden eingesetzt. Inhaltlich sollen in Anlehnung an die Inhalte der Fragen 4. bis 7. Aspekte wie die Verbreitung und Anwendungspraxis von Selbstkontrolltrainings und speziell des Manuals „In einer Spirale nach oben“ (NLS 2013) sowie die Effekte von Selbstkontrolltrainings bei unterschiedlichen Zielgruppen untersucht werden.

Quantitative Erhebungen und Auswertungen

Zunächst kommen quantitative Befragungen von Expert*innen und Klient*innen zum Einsatz, um einen empirisch fundierten Überblick zu den Untersuchungsthemen zu bekommen.
Die quantitativen Befragungen sollen als online-Befragung mit Hilfe des Online Fragebogentools „2ask“ erfolgen. Die statistische Datenerfassung und -auswertung soll mit SPSS durchgeführt werden.

Qualitative Erhebungen und Auswertungen

Expert*innen und Klient*innen werden zu Erfahrungen und Erfolgen im Zusammenhang mit Selbstkontrolltrainings Leitfaden gestützt interviewt.
Die qualitativen Interviews werden aufgenommen, transkribiert und mit dem Programm MAXQDA ausgewertet.

2.2 Quantitative Expert*innen-befragung

Verbreitung und Akzeptanz des Manuals „Spirale nach oben“ (NLS 2013)

Die 24 aktuellen sowie die fünf ehemaligen Glücksspielsuchtpräventionsfachkräfte sowie alle Fachstellen in Niedersachsen (NLS 2015) werden online zur Nutzung der „Spirale nach oben“ befragt. Die Befragung kann auf weitere Suchthilfeeinrichtungen außerhalb Niedersachsens erweitert werden, wenn dies sinnvoll erscheint. Hierzu wird im Vorfeld die Verbreitung in anderen Bundesländern geklärt.

Vorab werden Studien zu Selbstkontrollprogrammen gesichtet und analysiert. Zudem werden Expert*innengespräche mit dem Autor der „Spirale nach oben“ Ingolf Majuntke und der NLS-Referentin Martina Kuhnt geführt. Die Ergebnisse dieser Analysen und Gespräche fließen in die Erstellung der Fragebögen ein.

Auch soll herausgearbeitet werden, inwiefern Mitarbeiter*innen der ambulanten Suchthilfe und ggf. aus anderen Settings (z. B. Schulen, Betriebe, Selbsthilfe) an spezifischen Fortbildungsangeboten zu Selbstkontrolltrainings teilgenommen haben. Ebenso interessieren die Mitarbeiter*innen, die ein Selbstkontrolltraining in der Glücksspielsuchtprävention ablehnen. In diesem Zusammenhang gilt es insbesondere auch die Gründe für jeweilige Einschätzungen zu benennen.

Zur Feststellung der Verbreitung Manuals „Spirale nach oben“ sollen ambulante Suchthilfeeinrichtungen in Niedersachsen befragt werden, die eine Glücksspielsuchtpräventionsfachkraft beschäftigen.

Darüber hinaus sollen Selbsthilfegruppen, Schulen, Betriebe und ggf. weitere Settings zu gegebener Zeit einbezogen werden. Der genaue Zeitpunkt wird im Projektverlauf geklärt.

2.3 Quantitative Nutzer*innen-befragung

Eine Befragung der Nutzer*innen von Angeboten der Glücksspielsuchtprävention findet unter den Klient*innen statt, welche mit der „Spirale“ gearbeitet haben. Der Zugang zu den Klient*innen erfolgt über die Suchthilfeeinrichtungen. Vorrausetzung hierfür ist, dass eine hinreichend große Anzahl an Nutzer*innen existiert und erreicht werden kann.

Effekte des Selbstkontrolltrainings

Befragt werden Betroffene und ggf. ergänzend beratende Suchtpräventionsfachkräfte. Im Zusammenhang des Manuals „Spirale nach oben“ soll eine Stichprobe aus den Nutzer*innen des Manuals gebildet werden anhand derer Effekte der Nutzung des Manuals nachgewiesen werden können. Wenn möglich sollen hierbei unterschiedliche Teilstichproben herausgestellt werden. Mögliche Unterscheidungsmerkmale sind die Auswirkungen des Spielverhaltens der Probanden, u. a. riskantes, problematisches und pathologisches Glücksspiel; Nutzung des Manuals im Kontext der Selbsthilfe und der ambulanten Suchthilfe.

Hierbei werden spezifische Fragebögen zur Studie entwickelt, in die bereits anerkannte Erhebungsinstrumente eingebunden werden, wie z. B. der Brief Biosocial Gambling Screen (BBGS; Gebauer et al. 2010).

2.4 Qualitative Interviews

Qualitative Befragungen sollen über alle Zielbereiche hinweg eingesetzt werden. Die Interviews werden geführt, aufgezeichnet, transkribiert und mit Hilfe der Software MAXQDA sowie methodisch in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse (Mayring 2002; Döring/ Bortz 2015) ausgewertet. Die Rekrutierung der Probanden für die Befragungen erfolgt über bereits vorhandene Netzwerke in der Sucht- und Selbsthilfe (u. a. Fachverband Glücksspielsucht, NLS, Kombi-Nord, Selbsthilfe- und Patientenakademie der Hochschule Emden/ Leer). Zielgruppe der qualitativen Interviews sind neben Nutzer*innen der „Spirale nach oben“, Berater*innen und Menschen mit Glücksspielsuchtproblemen, die bisher kein Selbstkontrollprogramm und auch keine Beratung genutzt haben (Überprüfung der Zugänge zur Suchthilfe). Die Anzahl der Interviewpartner*innen der unterschiedlichen Gruppen ergibt sich aus den Ergebnissen der quantitativen Erhebungen.

2.5 Fokusgruppen

Die Ergebnisse der Auswertung der quantitativen und qualitativen Daten sind Grundlage für die Durchführung der Fokusgruppen. Ziel dieses Arbeitspaketes ist es, die Daten zu spezifizieren und neue Erkenntnisse zum Glücksspielverhalten, zur Motivation und Veränderungsbereitschaft der Reduzierung des Glücksspielverhaltens, zu Zugangswegen in die Angebote der Glücksspielsuchtprävention und speziell zum Selbstkontrolltraining (hier am Beispiel der „Spirale nach oben“) sowie zu Erfahrungen und Effekten dieses Trainings herauszuarbeiten. Die Fokusgruppen sollen mit Glücksspieler*Innen, den Fachkräften der Glücksspielprävention und der Selbsthilfe in Niedersachsen und ggf. Vertreter*innen aus anderen Settings durchgeführt werden. Die Fokusgruppen werden geführt, aufgezeichnet, transkribiert und mit Hilfe der Software MAXQDA sowie methodisch in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse (Mayring 2002; Bortz/ Döring 2015) ausgewertet.

Auswahl grundlegender Literatur

Bucher, E. (2011): Sucht und Ausstieg. Wege aus der Glücksspielsucht. Ein Buch für Betroffene, Angehörige, Therapeutinnen, Therapeuten und Beratende. Mit einer Anleitung zum Ausstieg in neun Schritten. Books on Demand GmbH: Norderstedt.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2014): Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland. Ergebnisse des Surveys 2013 und Trends. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Köln.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2011): Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland: Ergebnisse aus drei repräsentativen Bevölkerungsbefragungen 2007, 2009 und 2011. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Köln.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2010): Glücksspielverhalten in Deutschland 2007 und 2009. Ergebnisse aus zwei repräsentativen Bevölkerungsbefragungen. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Köln.

Döring, N./ Bortz, J. (2015): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. Springer Verlag: Berlin.

Füchtenschnieder-Petry, I./ Petry, J. (2010): Game Over. Ratgeber für Glücksspielsüchtige und ihre Angehörigen. Lambertus-Verlag: Freiburg im Breisgau.

Gebauer, L./ LaBrie, R./ Shaffer, H. J. (2010): Optimizing DSM-IV-TR classification accuracy: A brief biosocial screen for detecting current gambling disorders among gamblers in the general household population. The Canadian Journal of Psychiatry 55(2): 82-90.

Hayer, T. (2012): Jugendliche und Glücksspielbezogene Probleme: Risikobedingungen, Entwicklungsmodelle und Implikationen für präventive Handlungsstrategien. Peter Lang: Frankfurt am Main.

Kuhnt, M. (2014): 2013 - Glücksspielsucht in Niedersachsen – Dokumentation der Beratungen. NLS: Hannover.

Mayring, P. (2002): Einführung in die qualitative Sozialforschung. Beltz Verlag: Weinheim.
Meyer, G. (2014): Glücksspiel – Zahlen und Fakten. In: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2014. Pabst Science Publishers: Lengerich: 124-140.

Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) (Hrsg.) (2009): Berichte der Fachstellen 2009. NLS: Hannover.

Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) (Hrsg.) (2010): Berichte der Fachstellen 2010. NLS: Hannover.

Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) (Hrsg.) (2011): Berichte der Fachstellen 2011. NLS: Hannover.

Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) (Hrsg.) (2012): Berichte der Fachstellen 2012. NLS: Hannover.

Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) (Hrsg.) (2013): Berichte der Fachstellen 2013. NLS: Hannover.

Petry, J. (Hrsg.) (2013): Differentielle Behandlungsstrategien bei pathologischem Glücksspielen. Lambertus-Verlag: Freiburg im Breisgau.

Premper, V./ Sobottka, B. (2015): Pathologisches Glücksspielen. Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsmanual. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag: Weinheim/ Basel.